Montag, 20. Februar 2012

Brief an einen ignoranten Kapitalisten

Oft wird er genutzt, werktags, dieser Weg. Der Weg zum Bahnhof.
Über Industriebrache führt er, dieser Weg.
Heruntergekommene Hallen und Baracken, ehemalige A-Industrielagen.
Als das noch öffentlich rechtlich war. Als Infrastruktur noch den Bürgern gehörte.
Heute überall Rost, Rückbau, Krater in Asphalt, Löcher im Kopfsteinpflaster
Brache, Schandfleck. Privatisierungsruinen.
Es ist der kürzeste Weg für viele Menschen aus meinem Stadtteil.

Mit einer Mieterin habe ich selber zufällig mal darüber gesprochen.
Sie sagte mir, dass sie 35 Euro zahlen muss im Monat.
Dafür, dass sie an ungeschützter Stelle ihr Auto abstellen darf,
Keiner haftet für Beschädigung, Diebstahl, Naturgewalt.
Natürlich nicht, warum auch?? Wer haftet noch für irgendwas bei uns?

Aber auch kein Licht am Abend oder Morgen?
Keinerlei Pflege des Platzes. Keinerlei Service? Sonstiger Vorteil?
Nichts für 35 Euro als das blosse Recht, irgendwo auf dem Platz stehen zu dürfen.
Und noch nicht einmal wissen, wo das dann ist.
Abhängig vom Tag, von der Pendelzeit ob schlecht oder ganz beschissen.

Ich lauf hier nur manchmal durch. Es ist nichts abgesperrt.
Es ist durchquerbar, es ist der nächste Weg zum Hauptbahnhof.
Für Fahrradfahrer, für Fußgänger.
Der Platz im Januar ein Morast.
Der Platz in der ersten Februarhälfte lebensgefährlich glatt.
Der Platz zu anderen Jahreszeiten: Staubig, uneben, grau und hässlich wie aus einem schlechten Krimi.
Die Dame, die mit der Stellplatzerlaubnis  hat mir gesagt, dass sie ihn nie erreicht.
Dass sie Gerüchteweise gehört habe, dass er krank sei.

Ich weiß nicht, ob sie krank sind.
Ich weiß nur, dass sie verantwortungslos sind.
Sie kassieren Geld fürs nichts tun.
Sie vermieten Parkplätze unter, auf einer Fläche, von der Bahn gemietet.
Sie haben null organisiert, dass sich mal jemand drum kümmert.
Ich wünsche ihnen, dass sie in ihren Mieteinnahmen ersaufen.
Dass sie am Käsegestank nasser Socken ersticken.
Bei Typen wie ihnen krieg ich so nen Hals!
Geld für nichts. Für Destruktion.

Den Weg bereitet von Bahnmanagerin, denen das genauso wurscht ist.
Hauptsache die Rendite stimmt.
Stimmt sie nicht mehr, bindet man Investoren ein.
Mit Bauunternehmen baut man schnell ein paar Glaspaläste hin, vor der Vorstand zickt.
Dann wird der Weg vielleicht  endlich gesperrt. Es entsteht emsige Betriebsamkeit für 2-3 Jahre.
Ich denke, dass das bald passieren wird.
Aus grauer seelenloser Ruine wird aber dann graue noch seelenlosere Beton-Glas-Wüste.
Nicht nur sie sind krank, sie unbekannter Kapitalist.
Da sind noch viel mehr krank...

Sonntag, 12. Februar 2012

Archäologie des 39. Jahrhunderts

Wir schreiben das Jahr 3856. Mehrere Archäologische Fundstellen in einer Region, die früher Süddeutschland genannt wurde, geben den Forschern weiter Rätsel auf.

1. Hühnengrab. 
Nördlich eines alten Metallschildes, auf dem das Wort Bobingen identifiziert werden konnte, wurde kürzlich ein hoch gebautes Rundgrab gefunden. Es handelt sich um einen gewölbten Erdhügel im Durchmesser von ca. 15 Metern, der kreisförmig von einer breiten Prozessionsstraße umgeben ist. Dieser aus einem Material namens Asphalt bestehende Prozessionskreis hat drei Abzweigungen, die ebenfalls aus Asphalt hergestellt in Richtung dreier Sternbilder nach Norden, Osten und Süden abzweigen. Es wird spekuliert, dass die Kultur der mittleren Plastikzeit zwischen 1980 und 2050 über höher entwickelte astronomische Kenntnisse verfügte, als bisher vermutet. Führende Plastikzeitgelehrte nehmen an, dass diese Prozessionsstraßen 2 mal im Jahr, jeweils zur Winter- und Sommersonnenwende mit mehreren Kultwagen, die meist 3 strahlige Sternensymbole oder 4 silberfarbene Ringe auf der Frontseite trugen, rituell umrundet wurden.

Das Grab selbst ist aber ganz offensichtlich leer. Derzeit streitet sich die Fachwelt, ob die Bestattung des Fürsten, der vermutlich damals unter der sogenannten Bezeichnung Bürgermeister die Eingeborenen regierte, durch unbekannte Ereignisse, wie eine Naturkatastrophe gestört wurde. Eine andere Theorie geht davon aus, dass Änderungen in der religiösen Vorstellungswelt unserer Vorfahren eine geplante Nutzung als Grabstätte verhinderten.

2. Wallanlagen um ein mittelplastikzeitliches Wohndorf, nördlich den Resten einer Ansiedlung namens Schwabmünchen. 
Gerade in den letzten Jahren häufen sich Funde von Wallanlagen um Siedlungen der sogenannten späten BRD-Kultur. Auch bekannt als Wulff-Merkel-Spätzeit. Eine Epoche, in der der europäische Kontinent durch skrupellose Söldnerarmeeführer geplündert wurde, die in den wenigen überlieferten einschlägigen Zellulose-Papyri immer nur als Ratingagenturen bezeichnet wurden.

Diese Siedlungen, am besten mit Siedlungen aus der noch älteren Römerzeit vergleichbar, sind alle in etwa  identisch, nur ihre Größe variiert. Allen ist aber der eher langweilige, dabei sehr ähnlich strukturierte Reihenhauscharakter gemein. Nahezu ausnahmslos sind sie von gewaltigen Wallanlagen umgeben, die bis auf 2-3 Ausfalllücken gut verteidigbare Festungswerke darstellen. Die kürzlich von einer Gruppe junger, unkonventioneller Forscher geäußerte Vermutungen, es könne sich um frühantike Lärmschutzmaßnahmen handeln, wird von der herrschenden Lehrmeinung als unseriöser Populismus abgelehnt.

Ernsthafte Feldforschung vermutet in den zwischen etwa 1990 und 2040 entstandenen Wallanlagen vielmehr den Versuch, sich gegen Wildschweinrotten oder den immer im Frühwinter in die Alpen durchziehenden Heerscharen sogenannter Skitouristen zu verteidigen. Diese meist mit 2 langen Brettern als Waffen ausgestatteten kälteressistenten Angehörigen des sogenannten Gore-Tex-Stammes sorgten regelmäßig von Spätherbst bis April für Unruhe auf den voralpinen Heeresstraßen.

3. Gladiatorenkampfarena südlich von Augusta Vindelicorum
Neueren Erkenntnissen zu Folge handelt es sich bei der großen Arena auf dem nördlichen Lechfeld südlich der ehemaligen Römerstadt Augusta Vindelicorum um kein Römerbauwerk, sondern um ein vorwiegend im frühen 21. Jahrhundert genutztes Unterhaltungsstadion. In ihm haben einige Jahre lang Mitglieder einer Gladiatorenschule, die die 3 Buchstaben FCA trug, mehr oder weniger erfolgreich versucht, sich gegen so bekannte Gladiatorenschulen, wie den FC Bayern zu behaupten.

Experten vermuten, dass die Gladiatorenmannschaften dabei immer zu elft gegeneinander angetreten sind. Was dabei allerdings noch eingehenderer Forschung bedarf, ist die Frage, mit welchen Waffen diese Ritualkämpfe ausgetragen wurden. Auffällig sei dabei die Tatsache, dass bisher in den bereits ausgegrabenen Arenen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts nur wenige Schwerter, Dolche, Keulen und Rüstungen gefunden wurden. Wenn es solche Funde gab, so ein Sprecher des Ausgrabungsteams, dann wurden diese immer nur auf den Zuschauerrängen zwischen großen Mengen von Glasbehältnissen gefunden. In einem dieser Glasbehältnisse konnte mit einem neuartigen Verfahren kürzlich Reste vergorenen Gerstensaftes nachgewiesen werden.

Sonntag, 29. Januar 2012

Oberflächlichkeiten

Geheimdienste,
denen die Rechte der Bürger egal sind.
denen die Rechte des Parlaments egal sind.
die gleichzeitig begangene Verbrechen nicht sehen.
Die lieber die eigenen Kritiker jagen.
Die Menschen mit Idealen als Extremisten outen.
Oberflächlichkeit. Keinen interessierts.


Minister,
die sich in Verblendung vor Staatsorgane stellen.
Staatsorgane, denen die Rechte der Bürger egal sind.
Ausschüsse, die nur zur Verlängerung des Elends da sind.
Zum Diebstahl von Zeit, zur Überbrückung von Aufmerksamkeit.
Minister, die für Medienwirkung jedes Bonmont mitnehmen.
Oberflächlichkeit. Keinen interessierts.

Leistungsträger,
die für Titel schon mal was tun.
Die schon mal zur Front fahren in die Berge nach Hinterasien.
Oder jemanden was tun lassen. Für sich. Für den eigenen Aufstieg.
Die lieber Aufklärer verklagen, als Fehler einzugestehen.
Oberflächlichkeit. Nur kurz interessant.

Ein Präsident,
der oben mitspielen will,
der Freundschaft mit Lobbyismus verwechselt.
der aufgeschriebene Reden sehr salbungsvoll hält.
der am Posten kleben mit staatsmännischer Größe verwechselt.
dessen Handeln die Durchlässigkeit von gesellschaftlichen Schichten ad Absurdum führt.
Wo man sich selber schämt für die ähnliche soziale Herkunft...
Oberflächlichkeit. Es wird vergessen werden.

Justiz,
die nur verfolgt, was leicht zu fassen ist.
Die bei 1-2 Prozent wo 5-6 Prozent zu zahlen wären, keinen Vorteil gegeben sieht.
Die sich im Zweifel hinter Formalia verschanzt.
Justiz, vor der nicht alle gleich sind.
Urteile, wenn sie überhaupt mal fallen,
dann weltfremd. Kassiert in der nächsten Instanz.
Menschen, die für ihre Rechte 70 Jahre warten müssen.
Gesetze die auf das Wegsterben der Betroffenen setzen.
Oberflächlichkeit. Keiner merkts.

Eine Kanzlerin,
die sich von Gipfel zu Gipfel jagen lässt
von Finanzlobbyisten,
vom kleinen Koalitionspartner,
von kurzfristigen Stimmungen,
Verursacher werden Jäger und Forderer.
39 Prozent fürs Sich-nicht-bewegen.
Oberflächlichkeit. Keiner hinterfragts.

Talkshows
mit wichtigen Schwätzern.
geleitet von Menschen mit Worthülsendiplom.
Geleitet von Menschen mit großen Gagen und Tantiemen,
mit Werbeverträgen wichtiger Konzerne.
Gummibärchen und Geflügelwurst...
Oberflächlichkeit. Berieselnd, betäubend...

Empörung,
für arme Straßenhunde in Rumänien in sozialen Netzwerken.
Oder war es doch Weißrussland?
Manche Bilder echt, manche Bilder falsch.
Keine Empörung über tote Menschen in Ostafrika.
Keine Empörung über Raster bei uns, die grobmaschig werden.
Raster, die nur noch als Rasterfahndung funktionieren.
Aber nicht als soziales Netz.
Kaum Bilder. Von den Müll- und Flaschensammlern.
Zumindest keine Bilder mit traurigen Augen in Plüsch oder Fell...
Oberflächlichkeit. Verhältnismäßigkeiten verschwimmen.

Besserwisser überall.
Religiöse Besserwisser, atheistische Besserwisser.
Intolerant jedem Andersdenkenden gegenüber.
Nur für sich selber Tolenz einfordernd.
Alte Männer, junge Studenten.
Alle Religionen, alle Lebensphilosophien.
Aber fast immer Männer. Seltsam...
Oberflächlichkeit. Normalität im Wahn.

Katastrophen, 
die durchdekliniert werden bis in die Atomstruktur.
Eine Schiffskatastrophe, bei der jede Alge, jede Schiffsplanke persönlich vom Reporter befragt wird.
Empörung. Kurz, schnell - in Nachrichtentickern immer mundgerecht, augengerecht.
Die Lebensmittelampel, ja die ist ihnen wichtig.
Als ob es nie ohne funktioniert hätte.
Monsantos und weltweite Saatgutkontrolle geht ihnen zugleich am Arsch vorbei.
Liegt genügend "Powder" oder muss die Schneekanone helfen?
Oberflächlichkeit. Lupe und Fernglas werden verwechselt.

Mittelmaß und Oberflächlichkeit,
Titelsucht und Geiz, schneller Effekt und Mitleid to go.
Alles überfüllt, alles laut, alles grell, alles billig, alles sofort.
Schlampigkeit siegt. Genauigkeit dauert und kostet zu viel.
Wer sich Zeit nimmt gilt als faul.
Wer leise ist gilt als dumm.
Wer nicht dauernd Selbstmarketing betreibt gilt als sehr dumm.
Wer zuhört gilt als ideenlos.
Oberflächlichkeit. Auffälligkeit vor Nachhaltigkeit.

Rückzug aufs Private. Nach innen, da wo es noch Wärme gibt.
Zu den Menschen und den Dingen, die es wert sind.
Die Gedanken sind frei - die Gedanken sind wirr.
Manchmal zu schwermütig, zu zynisch, desillusioniert.
Aber es sind meine Gedanken.

Montag, 2. Januar 2012

Stille Nacht, einsam wacht ... ihr Nachbarschaftswachschutz.

Am Anfang
Man muss etwas tun.
Sie haben kleine Vorgärten, Reihenhäuser, Siedlerhäuser.
Manche davon sind Rentner.
Andere von ihnen haben wirklich Zeit.
Die Schriftführung im Verschönerungsverein reicht ihnen nicht mehr.
Sie haben Ambitionen. Wollen das Gesocks von den Straßen haben.
Manche davon gehen aber auch einfach ihrer Frau auf die Zwiebel.
Überhaupt Frauen.
Sie haben nicht so das Gespür für diese wichtigen Dinge.

Das erste Treffen
Der Einbruch in die Schrebergartenhütte.
Die drei zerschlagenen Porzellangartenzwerge im Sperberweg.
Da muss man doch was tun. Vor 45 hats das nicht gegeben, sagt Hjalmar.
Hjalmar muss das wissen, denn er ist 88 und war noch Flackhelfer.
Hjalmar hat was gegen Weicheier. Hjalmar hält Ordnung.
Helmuts Frau macht Schnittchen.

Alles braucht eine Ordnung
Sie organisieren sich.
Sind Armbinden sinnvoll? Schlagstöcke und Pfefferspray?
Es werden Schichten festgelegt.
Es wird ein Vorstand gewählt.
Sie laufen zu zweit. Alle 2 Stunden von 20 Uhr bis um 4 Uhr morgens.
Die Schrotflinte kommt erst in der 0 Uhr-Schicht mit.
Die Waffengesetze in diesem Land müssen einfach gelockert werden
- finden Dieter und Hjalmar.
Früher war alles besser.

Der beste Freund des Wachhabenden
Helmut hat einen Schäferhund. Der muss nun mehrfach nachts raus, ob er muss oder nicht.
Mit Helmut und Hjalmar. Manchmal auch mit Dieter und Rolf.
Dieter und Rolf haben keinen Hund.
Horst hat einen Dackel. Der Dackel heißt Wastl und ist bösartig.
Wastl ist viel bösartiger als Helmuts Schäferhund. Wastl ist deshalb gut geeignet.
Helmuts Schäferhund heißt Hasso und hat einen Stammbaum.
Günther hat nur einen Mops.
Möpse sind nicht geeignet, bösen Buben Angst zu machen.
Nein! Auch Möpse mit Stammbaum nicht.
Günther ist seltsam.
Günther nimmt die Nachbarschaftsinitiative nicht ernst genug.
Man muss Günther mit seinen Multikultifreunden im Auge behalten.

Besondere Veranlagungen
Rolfs Sohn ist Türsteher an einer Disse und arbeitet beim Bahnschutz.
Rolf ist nun stellvertretender Vorsitzender und hat die B-Schicht.
Bei Rolf liegt die Sicherheit quasi in der Familie.
Das ist genetisch bedingt. Rolf ist geeignet.
Fast besser wie Helmuts Schäferhund.
Rolfs Frau hat schon wieder blaue Flecken im Gesicht.
Dass sie aber auch 2 mal im Monat die Treppe runter fällt?
Der arme Rolf.

Erste Erfolge
Neulich erst wurde erfolgreich ein Falschparker an der Ecke überführt.
Er war nicht aus der Gegend.
Die Polizei wurde unverzüglich verständigt.
Für das Raußreissen von 2 Rosenbüschen auf dem Kreisverkehr...
...gibt es auch schon einen konkreten Anfangsverdacht.
Der Mops von Günther. Der Hund ist ein Schwerverbrecher.
Man stand auch schon in der Zeitung. Als Vereinsneugründung
Mit Bild und Wastl und Schriftführer und Armbinden.

Indizien und Hintergründe
Außerdem hat Helmut den Dieter auf eine wichtige Sache aufmerksam gemacht.
Das Jugendzentrum stört den Siedlungsfrieden.
Das Jugendzentrum liegt außerhalb der Siedlung 3 km entfernt im Nachbarortsteil.
Trotzdem. Es zieht nur Elemente an. Junge Elemente, unberechenbare Elemente.
Und der türkische Gemüseladen vorn am Eck?
Das sind eh alles Islamisten. Die sollen auf sich selbst aufpassen.
Die zerbrochene Fensterscheibe damals war doch nur inszeniert.
Garantiert Versicherungsbetrug. Das kennt man ja.
Ja die Elemente, die Islamisten und die kriminellen Jugendlichen.
Es könnte so schön sein, wenn sie nicht wären.


Aber dafür sind wir ja da.
Wir sorgen für Ruhe und Ordnung.
Stille Nacht, einsam wacht.
Ihre private Sicherheitswacht.
Es ist gut, dass es uns gibt!

Montag, 19. Dezember 2011

Der Repräsentant

Man kennt sich.
Aus der Lobby des hohen Hauses.
Aus Tagungen und Empfängen. Von Gesprächen. Man ist einer Ansicht. Fast immer.
Beim Durchschneiden des Eröffnungsbandes hat man sich immer getroffen.
Aufträge finden schnell Abnehmer, wenn man sich oft trifft.
Informationen helfen, Karrieren zu planen. Kontakte! Gute Kontakte!
Endlich unter sich. Im Urlaub. Mit den neuen, reichen Freunden. Im Loft auf Marbella. In der Hütte in St. Moritz. Man freut sich, endlich dazu zu gehören. Sogar eingeladen ist man worden. Die können das ja absetzen.
Es wird zusammen gefeiert, zusammen gesoffen, zusammen gehurt, zusammen erholt.
„Was soll daran nicht richtig sein? Ihr seid uns doch nur neidisch.“
„Lohn für Leistung! Weil ich es mir wert bin!“
Bussi Bussi!

Man informiert sich
Über geplante Gesetze, geplante Bauvorhaben, geplante Investitionen.
Geplante Umsetzungen. Immer ein Schritt weiter, als die da draußen.
Die richtigen Gesetze - Bestandsschutz des Nützlichen.
Störer werden abgedrängt, überwacht, ruhig gehalten.
Einstudierte Talkshowhülsen in ausgesiebter Moderation ausgeblubbert.
Stabilität und Wohlstand.
„Wir wissen, was wir für euch tun.“
„Wir wissen, was für euch gut ist!“
„Das kann doch nichts Schlimmes sein!“
„Es nützt mir, es nützt meiner Familie. Also nützt es diesem unserem Land.“
Bussi Bussi

Man ist oben angekommen.
Jetzt schnell alle Zugänge unten dicht machen!
Bildung muss zu Hierarchie erziehen. Bildung muss sich rechnen.
Die richtigen Schulen, danach die richtigen Verbindungen.
Manchmal auch schlagend, diese Verbindungen, aber immer effizient diese Verbindungen.
Die höheren Töchter finden höhere Söhne. Püppchen finden Gecken.
Fehlende Kultur wird hinweg gelächelt.
"Achtung! Achtung! Einmal schlechtes Gewissen auf dem Wohltätigkeitsbazar abzugeben!"
Nachhilfe bezahlt man gegen schlechte Leistungen. Wen bezahlt man gegen Dummheit?
Ein wenig die Unwahrheit gesagt im Ausschuss? Immer wieder Missverständnisse.
Was macht das schon? Ein wenig weiter die Vorschriften auslegen.
Noch ein wenig weiter. Immer weiter…
Bussi Bussi

Man versorgt sich.
Mit Darlehen, mit Austragsposten nach dem Ausscheiden.
Hier eine Spende, da eine Gefälligkeit. Dort ein Vorteil.
Wo kein Kläger, da kein Richter. Das Rad dreht sich.
Flexibilität und Aufstieg. Geben und Nehmen. Die Frisur sitzt, die Investition stimmt.
Ein ehemaliger Staatsrepräsentant kann immer Wirtschaft.
Ein ehemaliger Unternehmer kann immer Stiftungsrat.
Minister A kann immer Minister B ersetzen. Und der B den A.
Jeder kann alles. Jeder kann alles in dieser neuen Oberschicht.

Wisst ihr, was ihr uns bald könnt? Ihr neue Oberschicht? Ihr Zierde des Landes? Ihr Abklatsch der alten Familien! Raubrittertum 2.0, Erster Stand reloaded…

Der Fisch der stinkt vom Kopfe her, doch Bürger fein mag längst nicht mehr.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Weihnachten wird nicht unterm Baum entschieden...

Sehr geehrte Damen und Herren,

Weihnachten wird NICHT unterm Weihnachtsbaum entschieden, sondern hat sich vor mehr als 2000 Jahren in der Krippe entschieden!
Gott sei Dank!

Ich finde es zum Kotzen, dass mit solchen Sprüchen wieder einmal in die "Geiz ist Geil"- Kerbe gehauen wurde. Nachdem große Unternehmen ihre Werbekonzepte immer erst ändern, wenn es zu Umsatzeinbußen kommt, muss auch ihnen wohl erst ähnliches passieren, wie Saturn zu Beginn der Wirtschaftskrise mit dem genannten Spruch.

Ich gehöre nicht zu den Gutmenschen, die nicht wissen, dass sie ihre Produkte irgendwie vermarkten müssen. Auch bin ich kein Superchrist. Ich hab nur keinen Bock mehr, mit sinnfreien Sprüchen das Gehirn gewaschen zu bekommen.

Bezahlen sie einfach ihre Beschäftigten anständig, sorgen sie für vernünftige Beratung in ihren Filialen und prüfen sie ihre Produktpalette auf die Produktionsbedingungen in den Herstellerländern! Auf den Abbau von Handymineralien in Afrika, die Montagebedingungen in den Herstellerländern etc. Hat jede ihrer Filialen einen Betriebsrat? Welche Rechte hat ihr Betriebsrat?

Falls sie mir jetzt antworten sollten, dass sie all das jetzt schon tun oder erfüllen, dann antworte ich:
"Wunderbar, wenn sich all dies auch noch nachweisen lässt, dann machen sie doch künftig damit Werbung!" Dann sind die Leut vielleicht auch mal bereit, 5 Prozent mehr zu zahlen. Fünf Prozent für mehr Menschlichkeit und Fairness. Und sie machen ihren Schnitt trotzdem. Das glauben sie nicht?? Haben sie es überhaupt schon einmal ausprobiert?

Täglich grüßt uns das Murmeltier und zeigt, wohin uns die bisherige Form von Kommerz geführt hat. Ich gehöre zu der wachsenden Anzahl Menschen, die künftig auf Nachhaltigkeit achten werden. Manche davon nennen sich Occupy-Bewegung. Ich nenne es gesunden Menschenverstand.  "...in Gedanken, Worten und Werken..." wie es im Gottesdienst der christlichen Kirchen heißt. Wenn dies ein Unternehmen allerdings gar nicht leistet, werde ich es künftig boykottieren. Dann hätte es nämlich am Markt nichts verloren.

Ich wünsche ihnen (dem Menschen, der die Mail beantwortet) einen besinnlichen Advent, frohe Weihnachten und ihrem Unternehmen Einsicht.

Mit freundlichen Grüßen
Markus Grill
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So an das Kontaktformular von Media-Markt gesendet...
Ich bin nicht so naiv, dass ich glaube, dass selbst eine Masse ähnlicher Maíls viel ändern wird. Aber wenn nur ein Mensch durch diese Zeilen zum Nachdenken angeregt wird, ist ein erstes Ziel erreicht.

Samstag, 26. November 2011

Experten

Sie verfolgen uns.
Im Fernsehen. Im Radio.
In Talkshows. In Interviews.
Sie wissen alles über uns. Sie wissen immer alles besser.

Ich schreibe momentan nicht über Fundamentalisten, den Verfassungsschutz oder Ex-Terroristen.
Nein! Die Rede ist diesmal auch nicht von FDP-Politikern. Zumindest nicht im klassischen Sinne.

Es handelt sich um eine in Mitteleuropa weit verbreitete Spezies.
Den sogenannten Experten.
Experten werden gerne genommen zur Untermauerung journalistisch schlecht recherchierter Platitüden,
Sie sind auch sehr nützlich bei der Meinungsbeeinflussung der Massen vor Wahlen.
Sie helfen, den Plebs ruhig zu halten, wenn ziviler Ungehorsam dringend geboten wäre.
Kurzum, sie sind der Kleister, der die ganze Scheiße zusammenhält.

Wie wird man solch eine wichtige Person. Wie wird man solch ein Experte / Expertin?

Hier die 9 klassischen Zutaten zur Erstellung eines/r Standardexperten/in:

1. Akademiescher Titel (ersetz- oder ergänzbar durch Adelsprädikat oder Managementfunktion)
2. Mitglied einer Organisation, die sich wichtig anhört
3. Anzug oder Kostüm, je nach Geschlecht, nur ersetzbar durch Medizinerkittel und Stethoskop.
4. Krawatte bei Männern, teuer aussehendes Halstuch bei Frauen
5. Hilfreich aber nicht zwingend notwendig: Horn- oder Nickelbrille und gerne auch Haargel
6. Unverständliches Bürokratendeutsch
7. Die Bereitschaft,vollkommen naiv die Lehrsätze von rechtskonservativen BWL-Professoren auswendig herunter zu beten. *
 *Anmerkung des Bloggers: Ersetze BWL-Prof. ggf. durch CSU-Innenminister, Lobbyist Pharmaverband oder Vorstandsmitglied Deutsche Bank...
8. Besitz einer Kristallkugel oder von Kaffeesatz (was aber beides nicht vor die Kamera mitgebracht werden sollte)


9. Die Bereitschaft, in jeder Lebenslage Dumm zu schwätzen wird selbstverständlich als selbstverständlich vorausgesetzt.

Frage: Warum glaubt diesen Menschen jeder?
Expertenantwort: Weil weite Teile der Bevölkerung grenzenlos naiv und zugleich kulturell im Mittelalter hängen geblieben sind .

Frage: Ist es ein typisch Deutsches Phänomen?
Expertenantwort: War es einmal. Das liegt auch darin begründet, dass hierzulande eine wahre Sucht nach Titeln und Anerkennung herrscht. Adelstiteln, akademischen Titeln, Statussymbolen...
Aber mittlerweile schwappt der Expertenhype auch in die Medien der übrigen Welt.

Gegenmaßnahmen:
1. Lesen, lesen und nochmals lesen.
2. Über das Gelesene nachdenken.
3. Kenntnis des Interrogativpronomens warum.
4. Eigene Anwendung des Pronomens warum.
5. Keine Akzeptanz von inhaltslosen Phrasen als Antwort auf dieses Pronomen.
6. Sich den Experten nackt und nur mit einer Biene-Maya-Unterhose vorstellen.*
*Anmerkung des Bloggers: Nur Empfohlen bei erwiesener Hässlichkeit des Experten - vor Nebenwirkungen auf das eigene Privatleben wird ausdrücklich gewarnt und keine Haftung für Spätfolgen übernommen.


7. Zusatzmaßnahme für boshafte JournalistInnen und OrganisatorInnen von politischen Podiumsdiskussionen ausdrücklich geeignet. Diese erfordert allerdings ordentliche Vorbereitung:

Zwei Experten, die sich notariell beurkundet hassen, gezielt aufeinander hetzen. Das bringt Spannung, Spiel und Schokolade.

In diesem Sinne. Die Wahrheit liegt meistens zwischen zwei extrem gegensätzlichen Lügen. Also nicht alles glauben, was man euch erzählt...

...rät euch Euer Blogexperte
Mr. Speaker