Freitag, 11. Mai 2018

Shitstormbekämpfung mit Inhalten

 
Der folgende Text entstand auf einen sogenannten Shitstorm in Social Media hin. Nur einen Tag nach der Großdemo gegen das Polizeiaufgabengesetz in München.

Die genannte Genossin kandidiert ebenfalls für den Landtag und steht als Polizeigewerkschafterin für ihre Position zum Polizeiaufgabengesetz bei konservativen KollegInnen in der Kritik. Ich finde es in so einem Fall richtig und wichtig, ebenfalls Position zu beziehen. Besonders, wenn die Kritisierte genau die Werte und Grundsätze vertritt, die man selber zu einem Thema besetzt:

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Ich habe Christiane Kern als kompetente Gewerkschafterin und engagierte Genossin kennengelernt. Wenn sie eine derartige Position bezieht, sollte sich deshalb manche/r der hier Kommentierenden fragen, ob vielleicht nicht er oder sie selbst auf dem Holzweg sind. Ein Grund von mehreren: Der Begriff der drohenden Gefahr ist rechtlich nur sehr schwer abzugrenzen:

Wo ist es nur ein böswilliges Gerücht und wann ist es konkret genug, um einen rechtsstaatlichen Eingriff zu rechtfertigen? Ich kenne persönlich viele Juristen und auch einige Polizeibeamte, die diese Entscheidung für extrem problematisch halten. Die vertritt Christiane Kern. Sie gibt diesen ihren Kollegen damit eine Stimme. Diejenigen, die sich selber nicht in der Lage sehen (wollen), hier eine Abgrenzung zu treffen. Die dann im Zweifel im Dienst sich auf Durchführungshandhabungen von Vorgesetzten verlassen (müssen). Lesen sie sich doch die entsprechenden Schachtelsätze dazu im Gesetz mal durch! Ich würde es mir nicht zutrauen, dieses Rechtsgeschwurbel zur Grundlage einer Entscheidung zu machen.

Viele Menschen, die gestern auf der Demonstration in München waren, haben keine Angst vor der Polizei. So wie dies auch sein soll. Im Gegenteil. Sie wissen sehr wohl, was sie an der derzeitigen bayerischen Polizei haben.

Ihnen fehlt aber das Vertrauen in eine CSU-Staatsregierung, die für ein starkes Sheriffbild nach außen, welches ihr Wählerstimmen bringt, bis an die Grenzen rechtsstaatlicher Gesetzgebung geht. Die dafür nicht nur Bürger verunsichert, sondern die dafür auch bereit ist, staatliche Beamte im Regen stehen zu lassen. Die dafür ebenfalls bereit ist, die Grenzen zwischen staatlichen Institutionen wie Verfassungsschutz und Polizei zunehmend verschwimmen zu lassen.

Es ist richtig, dass in der Neufassung des PAG auch positive Punkte zu nennen wären: Zu nennen wären z.B. die Regelungen zum Schutz der Berufsgeheimnisträger. Aber leider können wir uns bei der derzeitigen absoluten Mehrheit der CSU nicht die Rosinen heraus picken und das Gesetz passend stricken.

Doch, halt, das können wir ggf. schon. Und wissen sie wie? In dem viele Menschen friedlich auf die Straße gehen wie am Vatertag in München passiert. Auf öffentlichen Protest und Abstimmung mit den Füßen hat Herr Söder bereits bei anderen Gesetzen und Vorhaben reagiert: PsychKHG, Dritte Startbahn, Riedberger Horn, usw.

Es ist eben leider auch richtig, dass in diesem PAG-Entwurf Dinge transportiert werden, die bei antidemokratischen Entwicklungen wie sie in Ungarn und Polen bereits ihren Lauf genommen haben, negative Umsetzungen ermöglichen könnten. Mehrere EU-Länder haben gezeigt, dass man hier gar nicht genug Schutzfaktoren in bestehenden Gesetzen haben kann, die solche Entwicklungen im Zweifel erschweren können. Das hat nichts mit der Polizei in 5-2018 zu tun. Das ist trotzdem etwas, das bei der Gesetzgebung zu beachten ist.

Ich finde es sehr schade, dass einige Kommentatoren hier mit "Wir" und "sie" Gräben aufmachen. Gräben, die es so nicht gibt. Jeder von uns ist Staatsbürger. Jeder tut an einer anderen Stelle seine Pflicht. Ich z.B. möchte eine Polizei, die wieder mehr Zeit hat, bereits begangene Verbrechen zu ermitteln. Ich möchte eine Polizei haben, die bei konkreter Gefahr (und die ist ziemlich gut definiert) bestmöglich einsatzfähig ist. All dies gestehe ich der Christiane (die vom Fach ist) erst recht zu, dass sie das ebenfalls erreichen will.

Sorry, dass es so lange geworden ist. Aber manche Dinge sind halt nicht so einfach, dass sie mit einem Satz zu beantworten wären. Nichts für ungut!

Markus Grill, Kandidatenkollege von Christiane

Samstag, 28. April 2018

Warum das bedingungslose Grundeinkommen das Gegenteil echter sozialdemokratischer Politik ist

Und wieder mal kritisiert der Landtagskandidat Grill Teile der Bundespartei. Warum? Weil ich es muss. Auch die unterlegene Vorsitzendenkandidatin Simone Lange befindet sich weiterhin auf diesem Holzweg des Bedingungslosen Grundeinkommens. 

Doch, liebe Parteizeitung Vorwärts! Das Grundeinkommen im Versuch in Finnland ist gescheitert! Erst wenn diese unsere SPD in welcher Regierungskonstellation auch immer ein Rentenniveau schafft, das Altersarmut in fast allen Ansätzen vermeidet, bin ich auch nur bereit, darüber zu diskutieren. Und dann sprechen wir von 65 oder 70 Prozent Rentenniveau vom Einkommen. Übrigens ein Durchschnittswert in allen EU-Ländern im Jahr 2018...

Aber eigentlich ... nein! Ich will das bedingungslose Grundeinkommen gar nicht diskutieren! Macht lieber endlich eine echte Grundrente, die Menschen mit unterbrochenen Lebensläufen im Alter den Gang zum Sozialamt komplett erspart und ihnen nicht nur das Häuserl nach viel Schreibkram und Paragraphenstriptease, sondern auch endlich ihre Würde belässt.

Zurück zum Thema:
Eine Chimäre Grundeinkommen entbindet Unternehmen und den Staat im Ergebnis vermeintlich von einer austarierten Sozialpolitik, die nach Bedürfnissen Unterschiedliches unterschiedlich behandeln muss. Das ist das Fatale und Gefährliche an dieser Debatte. Oder gibts dann noch Bafög, Wohngeld und Beihilfen in Ballungsräumen mit hohen Mietpreisen? "Sie haben doch ihr Grundeinkommen!? Schauens, dass damit klar kommen!", heißt es dann vermutlich.

Hartz4 muss dringend in sehr weiten Teilen reformiert werden. Muss um 200 Prozent sozialer werden. Auch moderner werden. Das ist unbestritten. Ein Grundeinkommen ist aber leider nicht besser als das alte Hartz4. Auch wenn es Einzelne geben würde, die dann ggf. kurzfristig ein paar Euro mehr haben. So wie nach fast jeder Reform. Es schafft und zementiert dafür eine Zweiklassengesellschaft: Gut verdienende Arbeitnehmer, die weiter gebraucht werden auf der einen und abgefütterte, sich trotzdem oder gerade deshalb nutzlos fühlende Restmenschen auf der anderen Seite.

Menschen, die nicht mehr mithalten können. Oder auch einfach Menschen, deren Fähigkeiten vermeintlich im Moment nicht mehr gebraucht werden. Damit ist es nur die Fortentwicklung von Hartz4 ins 21. Jahrhundert. Oder warum haben wohl einige der Jüngeren in der Unternehmerlobby von Neue Soziale Marktwirtschaft und in ähnlichen Unions- und FDP-nahen neoliberale Thinktanks diese Form der Bevölkerungsversorgung als neue Idee entdeckt und befürworten diese? Weil sie auf einmal ihr Gewissen entdeckt haben?

Wir müssen Lösungen finden, die bei Digitalisierung und damit verbundener 3. 4. 5. oder 6. industrieller Revolution (je nach theoretischem Standardwerk), die ansteht, alle wirklich mitnimmt. Auch die, die jetzt mit durchschnittlicher oder unterdurchschnittlicher Arbeitsleistung "nur einfache Jobs" machen können, haben mehr denn je ebenfalls ein Recht auf ein selbstbestimmtes und vor allem erfülltes Leben. Da zukunftsweisende Lösungen zu finden, die die Teilhabe aller auch an Beschäftigung, an Kultur, an Gesellschaft in jeder Form ermöglichen. DAS wäre wirklich sozialdemokratisch! Eine Barrierefreiheit der gesamten Gesellschaft. Eine solidarische Gesellschaft. Eine sozial intelligentere Gesellschaft.

Die Grundeinkommensdiskussion ist eine bequeme Lösung. Auch für politische Hobbylinke, die sich mangels eigenen Wirtschaftstheoriekenntnissen die politische Welt einfach zu recht stricken. Ich mache da niemandem einen Vorwurf. Die Lösung schaut so einfach aus. So naheliegend. Aber so einfach ist diese Welt halt nicht. Zumindest nicht, wenn man als Sozialdemokratie noch den geringsten Anspruch hat, wieder einmal echte Visionen für unser Land und eine Gesellschaft der Zukunft zu entwickeln. Eine Gesellschaft der echten Teilhabe aller.

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Freitag, 6. April 2018

Wochenkommentar als kleine Wähler/innenschelte - Philosophie zum Freitag

Als politisch Aktiver und derzeit Kandidat für ein Landtagsmandat würde ich mir manchmal ein wenig mehr Realismus wünschen. Mehr Kopf und weniger Bauch bei Entscheidungen. Mehr Sapiens als Saumagen wagen!
Was nämlich von den ganzen Gscheidhaferln, die "die Politik" kritisieren, meist vergessen wird. Was auch von all jenen vergessen wird, die mal schnell mit "Mitgliedschaft to go" in eine Partei ein und dann wieder aus einer Partei austreten, weil ihnen die letzte Entscheidung (für oder gegen eine GroKo und für oder gegen jemandes Parteivorsitz) nicht in den Krams passt:

In den Parlamenten sitzt einfach ein Querschnitt der Bevölkerung. Gute und Schlechte, Schlaue und Dumme. Egoisten, Altruisten und Selbstausbeuter. Vielleicht einige davon ein wenig intelligenter als der Durchschnitt. Das ist aber auch schon alles. Wir können uns keine Lichtgestalten basteln oder herzaubern. Die gibt es schlicht nicht. Wir müssen die nehmen, die wir haben. Die bereits sind, sich den ganzen Zirkus anzutun.

Und wir alle müssen uns die im Angebot stehenden dann in Ruhe - und genau - ansehen. Das ist die verdammte Bringschuld als mündige/r Bürger/in in jeder Demokratie: Dummschwätzer und geschniegelte Fernsehpredigt - Worthülsendreher von ehrlichen, vielleicht manchmal farbloseren, aber immer besseren Sachwaltern der Demokratie unterscheiden lernen. Zweimal hinsehen, vor man dann sein Kreuz macht. Das ist doch eigentlich nicht zu viel verlangt, wenigstens das für das Gemeinwesen einzubringen? Oder erwarte ich da wirklich zuviel?

Mein Rat an alle, die von anderen 120 Prozent fordern, aber selbst in der "man müsste-mal - Endlosschleife" abtauchen, wenn es ungemütlich wird. Damit meine ich nicht nur reine Wähler/innen da draußen, schon auch manche Parteifunktionär/innen:

Nicht immer alles gleich sofort glauben, was über einzelne Personen und deren Entscheidungen geschrieben wird. Auch Journalisten sind nur Staatsbürger mit eigenen Meinungen und Erfahrungen. Auch da gibts gute und schlechte, schlauere und dümmere. Egoisten und Altruisten...

Es ist auch nicht die Partei die Richtige, die einem zu 100 Prozent nach dem Mund redet. Im Gegenteil: Das ist dann entweder ein populistischer Sauhaufen, der die eigene Oma für die Macht verkaufen würde. Oder ein Spinnerverein, der keine Ahnung von alltäglichen Sachzwängen im Leben hat. Oder sogar beides. Solche haben wir ja auch inzwischen. Leider.

Perfektion gibt es nur im Jenseits. Und dort auch nur vielleicht. Selbst wenn man daran glaubt. Im Diesseits jedenfalls gibt es nur das tägliche Herauspumpen von Wasser aus einem alten Seelenverkäufer, menschliche Gesellschaft genannt. Sisyphos als politisches Tagesgeschäftsmodell. Ein Stopfen von Löchern, ein Improvisieren und Organisieren, dass es immer irgendwie weiter gehen kann. Ein Provisorium ohne Verschlechterungen ist oft noch das Beste, was man erreichen kann. Manchmal, nur manchmal geht der dritte Schritt nach vorn und nur zwei nach hinten. Aber nur, wenn es eine sehr gute Woche war.

Eine Übereinstimmung von 55 - 65 Prozent zu den eigenen Positionen ist realistisch das Maximum, was man in demokratischen Systemen erreicht werden kann. Alles mehr ist eher ein Zeichen von Wunschdenken und einem Feststecken in unrealistischen Traumwelten. Prinzessin Lillyfee zu mögen mag mit 4-8 Jahren in Ordnung sein. Mit 30 oder 50 schaut der Ponyhof halt dann eher nach Agrarfabrik aus. Bei der es nur noch darum geht, kein Glyphosat einzusetzen und ein wenig nachhaltiger zu produzieren als bisher.

Aber das liest eh dann wieder keiner. Bestimmt keiner von denen, denen ich das gerne mal als A4-Blatt, schmal zusammengefaltet, um die Löffel hauen wollen würde!

Ein Amt oder ein Titel gibt noch nicht automatisch Verstand. Nicht mal dann, wenn es zusätzlich mit gegelten Haaren oder Armani-Anzug aufgepappt wird. Auch wenn das in Deutschland gerne aus Gründen der eigenen Denkfaulheit weiterhin erhofft wird. Denkt deshalb bitte an eure eigenen Stärken und Schwächen, liebe Leute! Und danach fällt bitte erst euer Urteil über jene, die euch vertreten sollen.

Ach ja! Ihr dürft auch gerne neue Leute in politische Ämter wählen. Aber denkt immer daran: Es kommt selten auf das Alter an und nur manchmal auf die Erfahrung. Wichtiger ist, ob der- oder diejenige für die Sache brennt und Dinge auch gegen Widerstände vertritt. Als erster (oder 5. oder 31. Diener seiner Wähler)

Das wünsche ich mir als Landtagskandidat, wie auch als Mensch.

Beste Grüße
Markus Grill

Freitag, 16. März 2018

Möge die CSU in interessanten Zeiten leben

Der Islam gehört nicht zu Deutschland - das sagt also der selbe Horst Seehofer, der 1994 den Buß- und Bettag als Gesundheitsminister für die Pflegeversicherung abschaffen half. Man hätte damals stattdessen ja auch Kapital gescheit besteuern können. Aber da ist das C in der CSU auf einmal dann doch keinen krummen Heller mehr wert, wenn es um echtes gelebtes Christentum geht. Ja auch ich kann populistisch. Das geht auch von links. Überhaupt kein Problem.

Der Islam gehört nicht zu Deutschland - das sagt also der selbe Horst Seehofer, der in den letzten Monaten dafür gesorgt hat, dass die Sozialarbeit im Umfeld der Flüchtlinge massiv herunter gefahren worden ist in Bayern. Man könnte den Eindruck haben, Konflikte sind künftig bewusst erwünscht, um einem starken Staat das Wort zu reden. Hohe rechte und konservative Wahlergebnisse auf Kosten der ärmsten in der Gesellschaft. Gift für die Demokratie für kurzfristige Wahlerfolge.

Liebe CSU, wir lassen euch das nicht durchgehen. Und mit Verlaub, es ist mir in dem Zusammenhang schnurz, ob wir euch auf Bundesebene in einer Koalition ertragen müssen! Wir werden euch im kommenden Landtagswahlkampf stellen! Hier in Bayern. Bei den Fragen, die für die Bürgerinnen und Bürger wichtig sind:

  • Beim fehlenden Wohnraum und den von euch verschacherten staatlichen GBW-Wohnungen. 
  • Beim Umgang mit Geld. Wo ihr Milliarden in der Hypo-Alpe Adria mit euren rechtskonservativen österreichischen Freunderln versenkt habt.
  • Bei der dritten Startbahn, die wir ganz verhindern werden. Nicht nur ein wenig und nicht nur auf Zeit!
  • Bei der ökologischen Entwicklung des Landes. Von Atomarer Wiederaufarbeitung in den 1980ern über Rietberger Horn bis Dieselskandal. Überall waren und sind CSU-Minister beteiligt, wenn es um rückschrittliche Politik gegen die Menschen geht.
  • Bei einem Ehrenamt in Blaulichtorganisationen und Vereinen, das Antworten erwartet, wie es sich bei immer flexibleren Arbeitszeiten noch leben lassen soll. Dieses Ehrenamt, der Kit in der Gesellschaft gerade auf dem Land und in Kleinstädten habt ihr in Gefahr gebracht! Es gibt keine Landesbildungsurlaubsregelung. (14 Bundesländer haben eine, 2 nicht). Eine Regelung, die ehrenamtliche Fortbildungen einschließt somit erst recht nicht.
  • Bei der Digitalisierung. Die Menschen erwarten erstmal keine Flugtaxis. Sie erwarten ein schnelles Internet egal ob am Stachus in München oder auf dem Einödhof in der nördlichen Hallertau. Und sie erwarten Datenschutz, der nicht einer die Menschen vorverurteilenden autoritären Innenpolitik geopfert werden darf.
  • Und schließlich: Bei einer menschlichen Politik, die Heimat als den Ort versteht, an dem Einheimische, Preißn, Gastarbeiter, Flüchtlinge, Jung und Alt, Mann und Frau erst einmal als Menschen im Sinne der Liberalitas Bavariae behandelt werden. An dem sie einen Rückzugsort haben, um in Ruhe leben zu können.
    Ein laizistischer Staat, der sich ruhig auch mal seiner christlichen Wurzeln bewusst sein darf. Diese Wurzeln heißen aber - ganz im Sinne der Bergpredigt - Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit. Gewürzt wird das Ganze mit ein bischen aufgeklärter preussischer Zuwanderung ins Voralpenland: "Jeder soll nach seiner Facon seelig werden!"
Lieber Horst Seehofer, diese ekelhaften Nebelkerzen mit künstlich aufgebauschten Konflikten zwischen Religionen, Etnien oder Regionen werden wir als das entlarven, was sie sind: Die letzten Zuckungen einer Staatspartei, die schon lange nicht mehr die Interessen der Bayerinnen und Bayern vertritt. Deren strategische Spindoktoren künstlich Themen kreieren müssen, weil ihr auf die echten Fragen des Alltages keine gescheiten Antworten und Problemlösungen mehr einfallen.

Ich wünsche uns einen harten Wahlkampf. Und der CSU wünsche ich frei nach einem alten chinesischen Spruch, den ich ihr ins Stammbuch schreibe: "Mögest Du in interessanten Zeiten leben!" Dass das kein unbedingt positiver Wunsch sein muss, kann sich jeder Interessierte gerne ergoogeln...

Euer Landtagskandidat
Markus Grill

Dienstag, 6. März 2018

Bilderstürmer 2018 - Oder: Wenn moderne Sprache Argumente ersetzen soll

Warum halte ich den Vorschlag, die Nationalhymne zu gendern, für einen Fehler? Oder Bayrisch gesagt, für einen ausgemachten Schmarrn? Das hat mehrere Gründe, die ich hier einfach mal zu Papier bringen möchte. Trotzdem geht das nicht so einfach in ein zwei Sätzen. Ein paar Bemerkungen Vorab:

Auch ich sehe das so, dass Kultur und Gesellschaft sich in einem stetigen Wandel befinden. Was vor 200 Jahren, vor 100 Jahren oder auch nur vor 10 Jahren modern war, ist heute überholt. Dies gilt nicht nur für wissenschaftliche Entwicklungen. Auch Kultur und menschliches Zusammenleben sind davon betroffen. Wenn man hier Modeströmungen mal außer acht lässt, ist eines schon mal klar und muss uns allen klar sein:
Keine und keiner von uns (zumindest niemand aus dem demokratischen Spektrum) sollte auch nur irgendein Interesse daran haben, die wenigen und hart erkämpften Errungenschaften der Gleichstellungspolitik in Frage zu stellen. Hier sind wir auf einem langen Weg, der oftmals den Eindruck erweckt, erst wenige Schritte in die richtige Richtung vorangekommen zu sein.

Ich gestehe deshalb der SPD-Genossin Kristin Rose-Möhring zu, dass sie auf diesem schweren Weg einen weiteren Schritt nach vorn erreichen wollte. Sprache ist einem stetigen Wandel unterworfen. Sprache ist nicht nur Zeitgeist und wo sie es ist, ist Zeitgeist oft Deutungshoheit. Manchmal ist Sprache auch ein Symbol für Macht in unserer Gesellschaft.

Warum bin ich nun - und das ausgerechnet 2 Tage vor dem Weltfrauentag - gegen diese Änderung unserer Nationalhymne? 
Zuerst einmal handelt es sich um einen historischen Text. Ich halte es grundsätzlich für einen Fehler, Weltliteratur, Klassische Architektur, bestehende Kunst und große Werke von Musik und Oper per Verordnung dem Zeitgeist oder der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung anzupassen.

Dies hat nichts damit zu tun, dass Texte, Opern, Musik und Architektur natürlich kopiert, neu interpretiert oder abgewandelt neu entstehen dürfen. Das müssen sie vermutlich sogar in regelmäßigen Abständen. Nennt sich Freiheit der Kunst. Nennt sich Kreativität. Jede Generation muss sich neu mit ihrer Vergangenheit auseinander setzen. Erstes, zweites und drittes Rokoko seien hier genauso genannt, wie klassische Opern modern inszeniert oder Kopien historischer Bauwerke in Las Vegas bzw. in China.

Um was es mir geht und was ich für einen absoluten Denkfehler in der Debatte halte, ist es, einen derartigen Text dauerhaft der Moderne anpassen zu müssen. Die Urversion wird dann auch zu Spezialwissen von Kunsthistorikern und Literaturwissenschaftlern degradiert. Eine solche Vorgehensweise mit historischen Werken, sobald sie uns überholt erscheinen, ist meines Erachtens eine neue und ziemlich dümmliche Form von Bilderstürmerei oder Kulturkampf.

Mit mindestens 3 negativen Folgen:

1. Mangel an Sprachfähigkeit und Verlust der Fähigkeit sich mit kritischen Texten auseinander zu setzen. Gehen wir nun allen problematischen Texten und veralteten Formaten aus dem Weg, in dem wir sie auf unsere Zeit umändern und die Urversion ins Archiv abschieben? Wer außerhalb von Deutsch-Leistungskursen und Literaturvorlesungen an der Uni ist denn dann künftig noch sprachfähig? Werfen wir Dinge, die uns nicht mehr zeitgemäß erscheinen ins Vergessen? Ist das wirklich die Lösung, die den gesellschaftlichen Fortschritt voran bringen soll?

2. Es ist falsch, Themen für rechte Schwätzer und braunen Mob zu schaffen, anstatt die echten Probleme der Gesellschaft im Bereich Gleichstellung und Familienpolitik auszufechten.
Wer aus Politik und Wissenschaft an die Sprache heran geht, löst in weiten (leider auch den nicht informierten) Teilen der Gesellschaft erst mal ein kritisches Gefühl aus. Eine Abwehrhaltung. Es entsteht ein Bauchgefühl von "die da oben wollen uns wieder mal etwas aufdrücken!" .
Ich persönlich glaube, es gibt lohnenswertere Baustellen, die Konservativen und auch die Ganz Rechten in der Gesellschaft beim Thema Gleichstellung zu stellen:

Lohngleichheit von Mann und Frau, gleiche Aufstiegschancen, Reformen bei Ganztagsbetreuung und Wiedereinstieg in den Beruf, Familienarbeitszeit. Oder auch "nur" einen modernen ECHTEN laizistischen Staat beim Thema Familienplanung, bei dem die Frau am Ende auch immer die Entscheidung trifft und dabei auch immer unterstützt wird. Nur um einige Baustellen zu nennen.

Für mich als anstehenden Landespolitiker entsteht wieder einmal der Eindruck, dass sich ein/e Vertreter/in der Bundes-SPD um die wirklich harten Debatten mit den bisherigen und künftigen Koalitionspartnern herum drücken mag. Debatten, die mehr verdient haben, als dass sich meine Partei wieder einmal zum Gespött macht, weil es keiner versteht und auch nur wenig bringt. Darauf habe ich endgültig keine Lust mehr!

3. Kunst und Kultur darf unvollkommen sein. Wenn gesellschaftlicher Fortschritt Ansichten zum Guten verändert, heißt das nicht, dass ein alter Text, ein Musikstück oder eine Architektur gewordene Aussage nicht zu ihrer Zeit trotzdem revolutionär, genial oder epochal war! Würden wir uns freuen, wenn auch die positiven Errungenschaften unserer Zeit mit all ihren Fehlern von unseren NachfahrInnen alle mit der Planierraupe platt gemacht würden?

Ich wünsche mir mehr Mut, sich der Vergangenheit zu stellen. Bei Altem und Angestaubtem Fehler und Schwächen zuzulassen. Und wenn es nur deshalb ist, um sich daran zu reiben. Einfach mal etwas stehen zu lassen als das, was es ist, heißt im Umkehrschluss nicht, dass man nicht gleichzeitig die Welt neu erfinden darf.

Das ist meine - linke - Definition von der gerne zitierten Liberalitas Bavariae.

Ein wenig mehr Leben und Leben lassen wünscht sich

Euer
Markus Grill



Sonntag, 25. September 2016

Der Marktpreis von Leben

Wenn Zivilcourage und Menschlichkeit in der Stellenbeschreibung fehlen

Dies hier wird jetzt sicherlich nicht mein bester Blogeintrag. Ich schreibe ihn mit Emotion im Bauch. Gleichzeitig schreibe ich ihn, ohne dass ich Hoffnung darauf hätte, dass sich der Zustand, den ich so schlimm finde, in absehbarer Zeit wieder ändern wird.

Zur Vorgeschichte:

Samstag Abend hatte Katha, meine Frau die Idee, spontan ein gutes Werk zu tun. In einer Tierhilfeseite im Web hat eine junge Frau eine Fahrgelegenheit für einen offenbar verletzten Igel in eine Tierklinik in der Nähe gesucht. Weil das Fernsehprogramm schlecht war und wir an dem Abend noch nix anderes vorhatten, haben wir spontan zugesagt. Kurz und gut, wir haben das Mädel (ich nenn sie im weiteren Verlauf des Blogs Anna) mit samt dem Igel an einem Parkplatz einsteigen lassen und sind los. Das Tier hatte vermutlich eine Verletzung oder Vergiftung oder auch einen Biss. Gefressen hatte er. Aber trotzdem war er danach müde und apathisch. Und vor allem zog das Tierlein die beiden Hinterfüße nach. Was genau passiert ist, konnte uns Anna, die ihn mit uns in die Klinik fuhr nicht sagen, da ihn Nachbarn zu ihr gebracht hatten. Sie selber studiert etwas in Richtung Biologie, was in Freising ja nicht selten ist und kennt sich ein wenig mit solchen Viecherln aus. 

Lange Rede kurzer Sinn:

In der Tierklinik im Münchner Norden angekommen, war erst mal nicht allzu viel los. Also bestand ja bei uns Hoffnung, dass da schnell jemand sich das arme Viecherl  ansehen könnte. Doch weit gefehlt. Die junge Tierärztin, die an den Empfang kam, glänzte durch die Aussage, das einzige, was sie machen könne, wäre, das Tier zu euthanasieren. Wohl gemerkt: Ein Wirbeltier einzuschläfern, ohne es auch nur eine Sekunde in der Transportbox angesehen zu haben, kam uns dreien nicht sehr professionell vor.

Auf meine irritierte Frage, warum sie sich den kleinen Kerl nicht wenigstens mal ansehen wollte, kam die Antwort, Wildtiere behandeln dürfe sie nicht, das verbäte der Tierklinik der zuständige Jagdpächter. Auf unsere Antwort, wir kämen aus Freising, welches gut 20 Kilometer weg läge, folgte dann die Ausrede, dass das Gebiet gerade noch zu dem selben Jagdpächter gehöre. Spätestens jetzt war selbst mir als Laien klar, dass es sich um eine ziemlich billige Ausrede handeln müsste. Soviel kannte selbst ich mich aus, dass das auf gut bayerisch ein Schmarrn war. Meine sarkastische Antwort, dass ein Igel im übrigen kein Jagdwild sei, wurde kommentiert, nein sie dürfe ihn nicht behandeln. Auch war sie weiterhin nicht bereit, sich das Tier wenigstens anzusehen. 

Der einzige Vorschlag, der dann kam, war die Telefonnummern von zwei ehrenamtlichen Igelstationen heraus zu suchen, bei denen meine Frau und Anna dann angerufen, aber wegen Uhrzeit  Samstag Abend 22 Uhr natürlich niemand mehr erreicht hatten.

Mir platzte nun der Geduldsfaden und ich lies dezent die Worte "hippokratischer Eid und keine Hilfe für ein verletztes Wirbeltier" im passenden Satzzusammenhang fallen. Alles, was wir schließlich erreichten, wäre gewesen, dass uns ein harmloses Schmerzmittel zum oral geben verkauft worden wäre, welches die Igelretterin aber in Freising selber zu Hause für ihre Haustiere auch schon hatte. Wobei eingeben schon ein wenig schwierig ist, wenn ein Wildtier satt und gleichzeitig mutmaßlich offenbar verletzt ist.

Auch nur eine einzige schmerzlindernde Spritze zu geben, oder natürlich davor wenigsten mal den armen Igel mal abzutasten, ob Verletzung, Bruch, Hämatom, Biss oder what ever, war bereits zu viel verlangt. Die Damen hinter dem Tresen der Klinik weigerten sich weiterhin standhaft sich auch nur ein wenig körperlich oder geistig-seelisch zu bewegen. Nachdem die Ausrede mit dem Jagdpächter nicht mehr gezogen hatte, wurde uns dreien nun aufgetischt, dass man sich bei der Anatomie dieses Tieres nicht auskennen würden und eine Behandlung, weil diese Tiere ja oft viele Parasiten hätten, nicht zielführend sei und sich auch nicht lohnen würde. All das, obwohl wir mehrfach erwähnten, dass wir die Behandlung natürlich bezahlen würden. Wir verließen nun stinksauer diese Klinik.

Die junge Frau, und mein Holdes Weib suchten nun im Web nach Tierarztnotdiensten in der Region, während wir nach Freising zurück fuhren. Sie wurden sogar fündig und riefen dort an. Nach kurzer Diskussion am Telefon wurde uns nur gesagt, wir bräuchten gar nicht vorbei kommen, weil wir ja jetzt schon alles besser wüssten und sicherlich sei das Tier querschnittgelämt und müsste nur euthanasiert werden. Faszinierend, wie weit Ferndiagnostik und Hellsehen in der bayerischen Veterinärmedizin inzwischen verbreitet zu sein scheinen. Wer mich kennt, könnte sich so eine Reaktion einer Tierärztin durchaus vorstellen, wenn ich erst in Rage und sauer bin. Da aber "nur" meine Frau und Anna mit der Dame gesprochen hatten und beide sehr freundlich am Telefon gewesen waren, löste diese Reaktion nun nur noch Kopfschütteln bei uns allen dreien aus.

Am Ende fand ich am Verstörendsten weniger die Reaktion der Notdienst schiebenden Tierärztin aus der Hallertau, die wir am Schluss im Auto versucht hatten, zu erreichen. Das kann immer mal passieren. Jemand bekommt etwas in den falschen Hals und hatte vorher einen schlechten Tag gehabt. 

Was an dem gesamten Vorfall so elend war, war diese vollständige Ignorenz davor in der Tierklinik. Man bringt ein offensichtlich verletztes Lebewesen vorbei und jemand, der offenbar noch recht frisch Medizin studiert hat (für mich ist auch Veterinärmedizin eine Form von Medizin), weigert sich, auch nur einen einzigen Blick auf einen Notfallpatienten zu werfen. Noch nicht einmal das Finanzielle (was im Kapitalismus eher vorgeschoben wird, wenn man menschliches Leid nicht lindern mag) war das Problem. Natürlich hätten wir Behandlungskosten übernommen. Man verschanzt sich hinter Vorschriften (die es teilweise so gar nicht gibt) und ist nicht bereit, nach Ethik und grundlegendsten humanitären Vorgehensweisen zu handeln. Offensichtlich, weil man einfach keine Lust hat, sich groß damit zu belasten. Jede 0,2 Prozent Versicherungsproblematik und jede Unbill sind mehr wert, als der Hippokratische Eid, Leben zu retten oder Schmerzen zu lindern. 

Wenn so Medizin und Heilberufe an Schule und Uni gelehrt werden, dass so ein Ergebnis heraus kommt, dann haben wir ein Problem. Ein ähnliches Problem, welches ich in meinen Blogs vielfach seit Jahren schon bei Juristen oder in Verwaltungen beschrieben habe. Ignoranz gemischt mit mangelnder Kreativität. Denkfaulheit gepaart mit Egoismus, der eigenenes Wohlbefinden immer über das Recht anderer Menschen oder Kreaturen stellt. Existenziell für unsere Gesellschaft wird dieses Problem, wenn es nun die helfenden Berufe auch noch erreicht hat. Wenn in der aktuellen Generation kaum einer mehr bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen und zu helfen und Leid zu lindern, dann ist die gesamte sogenannte Ethik, Philosophie und Gesetzgebung der letzten 3000 Jahre nicht den verdammten Dreck unter einem Fingernagel wert.

Ich weiß. Es ist "nur" ein Igel. Es ist aber auch immer nur der erste Tropfen zuviel, der den Dammbruch auslöst. Sollten wir die Rechnung als Menschliche Gattung für unser gesamtes Verhalten jemals bezahlen müssen, dann will ich das dereinst nicht mehr erleben müssen.

PS.: Als ich dies schreibe ist es Sonntag Mittag. Noch lebt der Igel. Er hat wohl auch ein wenig gefressen.

Samstag, 12. Dezember 2015

Von der Verachtung der Demokratie

Dieser Blogeintrag ist aus Gedanken zu einem Spiegelartikel entstanden.

Widerspruch! In der derzeitigen Lage mit dem Erstarken der Rechten von einer Querfront zu faseln ist eine Frechheit gegenüber Antifaschisten und linken Demokraten, die Gesicht gegen rechtspopulistisches und braunes Gschwerl zeigen. Alleine, dass ein Spiegelredakteur im Dezember 2015 jede Form von Protest in einen Topf wirft und umrührt, zeigt einen weiteren Grund, warum Demokratieverachtung und Wegbrechen der Mitte immer salonfähiger wird: Den Grund, dass in breiten Teilen des Schulwesens - zumindest unterhalb des Gymnasiums - keinerlei klassische politische Bildung mehr statt findet. Aber den benennt er nicht, weil er ihn in seiner Welt offenbar gar nicht wahr nimmt. Aber auch darüber wird es immer dünner und dümmer. Das führt dann eben zu studierten Journalisten, Juristen, Wirtschaftlern und sonstigen Entscheidern (auch einigen in der Politik), deren einzige regelmäßige Beschäftigung mit Literatur der Onlinekontoauszug und die Bedienungsanleitungen von SUV und wohnungseigenem Multimediasystem darstellen.

Ich mache mir in der Tat ähnliche Sorgen um unsere Gesellschaft wie der Autor dieser Einlassungen. Aber aus einer ganz anderen Ursache heraus: Diese viel beschworene Mitte zerbröselt gleich an zwei Enden: 1. Bei den ganzen Dumpfbacken, die komplett nach Rechts abdriften, weil sie zwischen populistischem Unfug und realen Begebenheiten nicht mehr unterscheiden können. Von einer vernünftigen Analyse gesellschaftlicher Gründe für Entwicklungen brauchen wir bei solchen Menschen da leider gar nicht mehr reden. Das war mal in den 70ern oder 80ern, als Hirn nicht nur beim Metzger auslag. Das zweite Abbruchgelände sind dann die Zeitgenoss/innen, die sich gar nicht mehr mit Politik und Gesellschaft beschäftigen. Die sich in die Phantasiewelten von Computerspielen oder - bestenfalls - in ihren Sport oder ihr Hobby flüchten. Die sich der sie umgebenden Realität komplett verweigern. Für die zweite Gruppe hege ich noch eine gewissen Sympathie. Wenn ich auch das Ergebnis eines massenhaften Verweigerungsverhaltens nicht gut finden kann.

Über bleiben der immer kleiner werdende gebildete oder zumindest sozial empathische Rest (nicht unbedingt abhängig vom Schulabschluß), der/die dann schauen darf, wie die Gesellschaft vor Ort noch Irgendwie zusammen gehalten werden kann. Der/die sich bei seinem/ihrem Engagement noch als Spießer, Gutmensch oder gar dumm auslachen lassen darf. Schließlich könne man seine Zeit mit egoistischem Tun doch weit effizienter nutzen. Und die da oben machen doch eh was sie wollen. Die Smombiesierung und Funnysierung unserer Gesellschaft geht zeitgleich einher mit ungeheurerlicher technologischer Entwicklung und einer Entmenschlichung der Arbeit, wie sie sich selbst ein Marx oder ein Bebel damals nie hätten vorstellen können. Wir, also die die übrig geblieben sind in dieser immer kleiner werdenden (linken) Mitte; wir sind Getriebene einer Gesellschaft, in der menschliche Arbeit immer mehr entwertet wird und gleichzeitig menschliche Ansprache (Kundenbetreuung, Pflege, Hilfe) für den Einzelnen immer unbezahlbarer wird.

Dieser vermeintlich Widerspruch in sich ist aber gar kein echter Widerspruch im Neoliberalismus. Der/die Einzelne dreht hohl in einem Hamsterrad der Selbstausbeutung. Echte Kultur wird zum Luxusgut, genauso wie gesunde soziale Interaktion uns immer mehr als ein Luxusgut verkauft werden soll. Das Normale wird dabei dem menschlichen Miteinander genommen. Zumindest im Geschäftsleben wird es ein zu bezahlendes Extra, früher Selbstverständliches weiterhin erledigt zu bekommen. Uns werden zwar immer mehr echte Entscheidungen abgenommen, in dem alles geregelt und überwacht wird. Gleichzeitig werden wir aber mit einer Technik, die immer unübersichtlicher wird, privat alleine gelassen. Jeder von uns soll gleichzeitig Telefontechniker, Hardwareexperte, Versicherungsleistungsantragsonlineausfüller und Möbelselbstaufbauschreiner sein. Dies alles wird uns meist auch noch als Fortschritt verkauft. Aber den Kauf einer altmodischen Glühbirne, das Rauchen einer Zigarette oder bald auch eine normale Standardkerze verbietet man uns, weil wir uns verletzen könnten oder angeblich zu dumm zu entscheiden sind, was uns schadet und was nicht. Es gibt Feinstaubplakettenpflicht für jedes kleine Fiatschnauferl. Und gleichzeitig wird weiterhin das Flugbenzin subventioniert. Alles muss gesetzlich geregelt oder versichert werden. Wenn so etwas dann aber mal schief geht, wie am Beispiel der Hebammen, wo ein ganzer Berufsstand kaputt geht, weil der Absicherungswahn in Form von Pflichtversicherungen nimmer bezahlbar ist, dann ist keiner da, der versucht, es wieder zu reparieren.

Wer in Dauerbeschäftigung gehalten wird, damit immer weniger echte Freizeit hat, aber gleichzeitig immer mehr rechtlich entmündigt wird, verlernt, eigenverantwortlich und für andere Menschen demokratisch Entscheidungen zu treffen. Alles muss angepasst und unauffällig sein. Kompromisse auf Kosten von Menschlichkeit. Soziale Bestandssicherung und Sicherheit werden ausgespielt gegen Kultur und Wissen. Angeblich ist für alles gleichzeitig immer nicht genug Geld da. Und Sicherheit ist ja schließlich immer das Wichtigste. Die geht im Zweifel vor allem anderen. Aber seltsamerweise nicht die soziale, sondern nur die Überwachte vor Bedrohungsszenarien. Abstrakte Angst hilft ablenken vor anderen Problemen, die größer und wichtiger wären.

Ein neoliberaler Nachtwächterstaat mit Erziehungsanspruch an erwachsenen Bürgern aber ohne Bildungsanspruch zur Heranbildung selbständiger demokratischer Individuen! Kapitulation der Meinungsführereliten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Jeder dieser Elitegscheidhaferl hofft, dass er in seinem eigenen Umfeld noch möglichst lange oben schwimmt in einem System, das sich gerade selber kaputt macht. Aus den Augen aus dem Sinn so lange es nur möglich ist! Aus Übermut? Aus Selbstgefälligkeit? Aus Dummheit!