Samstag, 27. Juli 2013

Mehltau über dem Land

Wenn die Demokratie kaputt geht - 
und keiner etwas dagegen tut


Es ist Wahlkampf - eigentlich eine Zeit, wo man sich denkt, dass es möglich sein müsste, die Leute besonders zu politisieren. Doch aktuell - in 2013 - scheint das nicht zu funktionieren. Liegt es an der Hitze? 

Ungeheuerlichkeiten sind passiert. Und nur wenige regen sich auf. Ein wenig Aufregung im Internet. Wenn überhaupt. Selbst Brüderle erregt mehr Aufschrei. Man bekommt bereits ein schlechtes Gewissen, seine Freunde mit Hinweisen auf den ganzen Mist, der gerade passiert, zu belästigen. 

Also lest diesen Blog oder lasst es halt sein und verpisst euch wieder! Haut ab in eure Rosa-Pony-Welt! Ist mir doch egal. Vielen von euch scheint es ja auch egal zu sein, was gerade passiert.

- NSA Ja. Es nervt. Ich kann es nicht ändern. Aber hallo??? Die gesamte Bevölkerung wird von einem fremden Nachrichtendienst abgehört! Mitbekommen? Und der, der es öffentlich macht, der Herr Snowden, darf um sein Leben fürchten und bekommt auch in unserem demokratischen Europa weder Zeugenschutz noch eine Anerkennung durch irgendeine dieser 28 Regierungen. 

Ausgerechnet ein Land mit einer Regierung, die nicht für lupenreine demokratische Richtungsentscheidungen bekannt ist, kann sich als Hüter der Freiheit darstellen. Ironie sieht anders aus. Das ist nur noch traurig.

Der eigene Inlandsgeheimdienst schweigt. Was soll er auch sonst tun? Jedes falsche Wort zuviel müsste vermutlich die Justiz wegen massivster Gesetzesverstöße auf den Plan rufen. Ja die Justiz. Die ist so ein Thema für sich... die Bundesregierung schweigt noch ausgiebiger. Warum soll man auch etwas aufklären, was die parlamentarisch nicht durchsetzbare Vorratsdatenspeicherung mehr als gut ersetzt?
Gläserner Bürger, schlecht regiert und angeschmiert. Desinteressiert und dumpf.

- Gustl Mollath - ein Mann wird in einem sehr seltsamen Gerichtsverfahren verurteilt und in die Psychiatrie weggesperrt. Trotz erdrückender Beweise für seine Unschuld oder zumindest verminderte Schuld wird die Wiederaufnahme des Verfahrens von der zuständigen Justiz blockiert. Verfahrensfehler werden banalysiert oder ignoriert. Ein Mensch, der 7 Jahre in einem demokratischen Land weggesperrt wird. Den vermutlich internationale Institutionen wie das EuGH befreien müssen, damit er überhaupt jemals wieder frei kommt.
7 Jahre - ein Leben zerstört. Für Rechthaberei und Aktenfilz der Justiz? Wie reagiert die Öffentlichkeit. nach einem kurzen Empören dann wieder: Desinteressiert und dumpf.

- NSU Eine Farce von Aufklärungsarbeit. V-Leute, die rechte Mörder mindestens gewähren lassen. Wenn  sie sie nicht unterstützt haben. Gleichzeitig werden demokratische Gegendemonstranten wie ein Jugendpfarrer aus Dresden mit haltlosen Verfahren und vermeintlichen "Beweisen" vor Gericht gezerrt. Von einer Justiz, die es nicht schafft, Presse und Medien aus den Hersprungsländern der Opfer eine Teilnahme an einem der wichtigsten Verfahren der Rechtsgeschichte dieses Landes zu ermöglichen. Erst das Bundesverfassungsgericht muss die Bräsigkeit und Bierdimpfelei beenden. 
Polizei, Justiz und Verfassungsschutz. Blind auf dem Rechten Auge? Öffentlichkeit?? Desinteressiert und dumpf.

- Aufklärung von Betrug durch Finanzprodukte im Nachgang der Finanzkrise? Fehlanzeige!
Es wurden arglosen Rentnern und Kleinanlegern Schiffsinvestments verkauft. Und Immobilieninvestments. Und sonstwelche Investments Über Jahre. In Branchen und Bereichen, in denen damals bereits all diesen "seriösen" Banken Überkapazitäten bekannt waren. Nun werden Schiffe verschrottet, Firmen gehen pleite. Die finanzierenden Banken? Fein raus. Sie sind die Gläubiger in der ersten Reihe. Die Co-finanzierenden Kleinanleger sind die Dummen. So wie meistens.
Und was macht die Justiz? Auf Kleingedrucktes in Verträgen verweisen? Offensichtlichen Investitionsbetrug und Bonijägerei nicht verstehen und nicht bestrafen.
Die Nicht betroffenen? Desinteressiert und dumpf...

- Banken werden gerettet für viele Milliarden. Über Jahre gehen die Gesundheitswesen ganzer Länder - ach was, die gesamten Länder gehen kaputt. Für Bruchteile der Summen dieser Kapitalanleger. Und was macht die Öffentlichkeit? Schimpfen auf die da unten am Mittelmeer. Die seien faul. Missgunst wurde auf Menschen gelenkt. Weg von Verantwortlichkeiten. Auf die, die nichts dafür können, dass sie von einer internationalen Elite ausgesaugt werden. Nicht erkennend, dass wir in 4 oder 5 Jahren auch dran sein werden, wenn wir jetzt nichts dagegen tun.
Wieder mal - hier sogar noch bestenfalls: Desinteressiert und dumpf...

Ich hätte noch 100te Beispiele.  
An was liegt das? Warum sind die Leute so scheiss passiv? Warum wird alles in einen Topf geworfen? Wieso interessiert das keinen? Warum empört sich niemand? Nachhaltig? Selbst die Brandartikel namhafter Zeitungen bewirken nichts. Im Gegenteil. Die Regierenden werden noch durch Umfragehochs belohnt. 

Nur eines steigt: Die Zahl der Nichtwähler. Die Zahl der Menschen die es einfach nur noch ankotzt. Menschen, die der Autor dieses Bloggs in einem einzigen Punkt verstehen kann: In dem Punkt der Ohnmacht. Der vermeintlichen und teilweise auch echten Hilflosigkeit. Was ist das für eine Krankheit?
Eine Krankheit, die wie Mehltau über dem Land liegt. Wie ein Gespinst aus Watte, welches einem die Luft nimmt. Die Luft, an eine stabile, demokratische Zukunft zu glauben.
Woran liegt das? An der Mentalität der Deutschen? Braucht es immer erst einen rechten Schwätzer und einen Fackelzug, damit Dumpfgermanen auf die Straße gehen? Sind uns unsere Grundrechte, unsere Freiheit und unser Sozialstaat wirklich so wenig wert? Woran liegt das?

Eine Ursache davon ist sicherlich hausgemacht. Eine? mehrere! Aber eine davon ist bei uns systemimanent geworden in den letzten Jahren:

Fehlende Bildung
Ich fang jetzt nicht mit Pisa an. Keine Sorge! 
Ich fang damit an, dass Wertigkeiten sich verschoben haben. Es ist ein leises Gift in diese Gesellschaft gesickert. Und weil es - noch - bisher vielen gut ging, hat dieses Gift bei uns mehr gewirkt, als in anderen Gesellschaften in den 80er und 90er Jahren.
Warum sollen junge Menschen auch Geschichte lernen? Warum Politik? Warum Sozialkunde? Realschüler oder Hauptschüler auch noch? Schon gar nicht. Die sollen etwas lernen, das man auch verwerten kann. Dass die Gesellschaft sie verwerten kann...

Lehrer, die Probleme haben, überhaupt bis zum dritten Reich im Unterricht zu kommen. Von der Nachkriegszeit gar nicht zu reden...? Überbewertet. Es gibt doch Guido Knopp. 
Rückgrat? Überbewertet! Politische Partizipation? Überbewertet! Kultur? Überbewertet! 
Das schnelle Geld. Die gute Marke. Geiz ist geil! Wir brauchen Ingenieure! Keine Philosophen. BWL ist das neue Twix, sonst ändert sich nix. Bis 2008 unangefochten. Nicht diskutierbare Dogmen der neuen Religion des Mammon.

Und jetzt?

Wir haben die Menschen bekommen, die wir haben wollten.
Jetzt lese ich die Feulletons. Da wird wieder über die Schlechtigkeit der Jugend gelästert. Über ihre Probleme. Ursachenforschung? Auch noch tiefer gehend? Fehlanzeige.

Junge Menschen, die weder ihre Wurzeln kennen noch in irgendeiner Weise Benehmen oder zwischenmenschliche Interaktion erlernt haben. Sie haben nur gelernt, zu funktionieren und den Gewinn ihrer Arbeitgeber zu maximieren. Wer da nicht hinein passt, wird an den Rand gedrängt. Und es sind immer mehr, die an den Rand gedrängt werden. Es gibt immer einen im weltweiten Kapitalismus, der billiger, schneller, effektiver ausbeutet.

Der Vorteil eines solchen Systems für die herrschenden Eliten: Dieser neue "Angestellten-Nachwuchs" hat weder gelernt, sich mit anderen zu solidarisieren, noch ist er an einer demokratischer Teilhabe interessiert. An einer Teilhabe, die ihm nichts bringt. Die ihm/ihr auch noch aufzeigt, wie wenig er/sie eigentlich gebraucht wird.
Das steht dann nur in den wenigsten dieser Zeitgeist-Artikel.

Damit ist das Gemeinwesen kurzfristig leichter lenkbar. Lobbyisten bekommen ihre Interessen leichter durchgesetzt und treffen auf weniger Widerstand. Eine neue Form von Kapitalismus mit faschistischen Zügen.
Das Äußere zählt. Für Schönheit und sportliche Erfolge werden Unsummen bezahlt. Ebenso für Spekulationserfolge. Wer hat, dem wird gegeben. Für ehrliche Arbeit gibts bestenfalls die Reste.
Auch das steht in den wenigsten dieser Artikel.

Nur was passiert langfristig?

Menschen
die sich in die Privatheit zurück ziehen. Die noch sicher sind in ihrer humanistischen Bildung. Noch kommt das C4-Gehalt monatlich. Die das Glück haben, dass ihre Kinder noch auf eine der besseren Schulen (ja auch staatliche sind noch drunter) sind. Menschen, die nicht glauben können, was da gerade passiert. Justiz, die kein Recht mehr spricht? Regierungen, die nach der Devise aggieren, wer sich als erster bewegt, hat verloren?! Diese Menschen, die einfach weg schauen. Die weiter in ihrer Welt leben und hoffen, dass für sie möglichst alles noch lange so bleibt. Kultur? Infrastruktur? Wird schon wieder werden. Irgend jemand wird sich schon darum kümmern. Irgend jemand irgendwann irgendwie...

Andere Menschen
die sich in die Privatheit zurück ziehen. Weil sie Rückzugskämpfe führen, um sich ihren Wohlstand zu bewahren. Die immer noch hoffen aufzusteigen zum kapitalistischen Vorbild in den Medien. Die ihren Kindern Egoismus predigen, weil ihnen gelehrt wurde, dass es das einzige ist, um in dieser Welt zu etwas zu kommen. Warum sollen sie wählen? Und wenn sie doch wählen, warum sollen sie dann Parteien wählen, die ihnen sagen, dass wir Zusammenhalt brauchen? Sie hoffen ja immer noch, dass das System nach oben lässt. Zu den Gewinnern. Falsche Hoffnung. Trügerisch. Manie vor der Depression...

Oder die nochmals anderen Menschen
die resigniert haben, weil sie bereits in jungen Jahren davon ausgehen können, nie an diesem Wohlstand teil zu haben, der sie noch immer umgibt. Auch viele von ihnen werden nicht wählen gehen. Geschweige denn, sich sonst am System zu beteiligen. Den einen fehlt die Kraft. 2 Billig-Jobs, Familie, Belastungen... den anderen fehlt die Hoffnung... Hoffnung wieder zu erwecken ist eine schwierige Sache.

Hoffnung erwecken? Auf Gerechtigkeit? Auf Kultur? Auf Zeit für Leben? Auf Privatheit ohne schlechtem Gewissen? Auf Chancen für alle?

Hoffnung erwecken? Schwierig.
Besonders bei Mehltau überm Land...

Mittwoch, 13. März 2013

Eine kleine Buchkritik

Als in den Provinzen des Imperiums die Saat der Freiheit aufging

Himmel  Erde  Schnee

Teil II


Ich habe ja auch schon öfter mit dem zweiten Band eine Buchlektüre begonnen. Oft hatte ich es aber auch irgendwann bereut. Es sind Ereignisse, Bilder, Zusammenhänge, die sich auf Teil 1 beziehen, die nicht sofort verständlich sind. Das kann durchaus anstrengend werden.

Dieses mal ist es allerdings erfreulicherweise anders. Sehr schnell konnte ich mich bei dem zweiten Teil von Himmel Erde Schnee in der Handlung zurecht finden. Der Autorin Ira Ebner ist mit dieser Fortsetzung ihres Debütromans ein mitreißend erzähltes Werk zu einem Stück europäischer Zeitgeschichte gelungen. Ein weiterer Bildausschnitt des Baltikums, genauer, dieses Mal die Darstellung Estlands im Zeitabschnitt der 80er und frühen 90er Jahre. Ein Thema, welches sonst in der bundesdeutschen Literatur bisher meist eher nur am Rande oder sehr oberflächlich gestreift wurde. Also gilt: Obwohl es ein 2. Teil ist, dieses Buch kann man auch sehr gut einzeln lesen.

Zur Handlung:
Estland zu Beginn der 80er Jahre. Lagle, die Hauptperson des Romans erlebt die Spätzeit der Sowjetunion aus der Blickrichtung einer Baltin. Hin- und hergerissen zwischen ihrer Vergangenheit als Mitglied der regionalen Oberschicht des sowjetischen Systems und ihren Erfahrungen mit Unfreiheit und Dahinwurschteln.

Als sich Lagle als alleinerziehende Mutter und Witwe mit dem Wissenschaftler Enno Treimann ein zweites Mal fest bindet, findet sie in ihm einen Partner, der ihren Widerstandsgeist weckt. Jemanden, der sie zunehmend am System zweifeln lässt. Sie hinterfragt immer mehr die eingefahrenen Strukturen. Nachdem mit Michail Gorbatschow endlich ein erster Lufthauch von Freiheit und Veränderung das Baltikum erfasst, gerät sie mit ihrer gesamten Familie in den Strudel der Ereignisse, die zum Niedergang der Sowjetunion und der Freiheit der baltischen Staaten beitragen.

Eingebunden in ihre Familie erlebt die Hauptperson Lagle alles, was zu einem Teilstaat des Sowjetreiches jener Zeit gehört: Anpassung, passiven und aktiven Widerstand, Mitläufertum, Mut und Feigheit. Freunde und Kollegen, die das bisherige System bewahren wollen genauso, wie Menschen, die sich nach den Möglichkeiten der Veränderung sehnen. Eine Kollegin, die ihr als Parteisekretärin einerseits menschlich so manches mal den Rücken frei hält. Die aber andererseits ganz schnell ihre dunklen Seiten spüren lässt, als es dann um etwas wirklich Wichtiges geht. Eine Cousine Sigurd, die als erfolgreiche Geschäftsfrau aus Finnland zurück kommt. Die ihre Heimat dabei unter nun vollkommen anderen Gesichtspunkten sieht. Die diese Heimat ausbeuten will. Das sind nur zwei von vielen Menschen, die in anderer Form immer wieder in jedem Leben in der realen Welt zu allen Zeiten zu finden sein könnten.

Der Autorin Ira Ebner gelingt es, in ihrem zweiten Roman ein farbenprächtiges und vielschichtiges Panorama an Zeitgeschichte zu entfalten. Das Buch schafft es hervorragend, Emotionen und Gefühl mit einem Fundus an Details und Faktenwissen zu verbinden. Der Roman zeigt Menschen, so vielfältig, wie sie nur das echte Leben produziert. Man taucht ein in eine Welt, die es so vor wenigen jahrzehnten noch innerhalb der Grenzen der heutigen EU gegeben hat. Eine Welt, die uns mittlerweile schon so fern zu sein scheint, als wären es Jahrhunderte, die dazwischen liegen.

Ein kurzer Augenblick Geschichte über einen Teil Europas, der auch jetzt immer noch gerne mal vergessen wird von den großen Strömen der Medienberichterstattung. Eine Region, die nichtsdestotrotz im 20. Jahrhundert vieles erleben musste, was sie sich und ihren Menschen bestimmt gerne erspart hätte. Aber vielleicht haben sich die baltischen Staaten ja gerade durch ihre oft harte und wechselvolle Geschichte diesen herben Reiz bewahrt.

Ein Buch, das auf weiteren Lesestoff durch die Autorin hoffen lässt. Ich werde mich jetzt dann jedenfalls sehr bald mal auch über Teil 1 her machen.

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Himmel Erde Schnee - Teil 2
Autorin Ira Ebner
ISBN 978-3-8459-0478-8
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Das Buch ist über jede gute Buchhandlung in ihrer Nähe erhältlich (genauso wie der Teil 1) Sollten sie es allerdings trotzdem unbedingt über Amazon.de bestellen wollen, möge sie der Schlag treffen...

ihr
Markus Grill
Hobbyliteraturkritiker
und Buchhaptiker


Donnerstag, 21. Februar 2013

Von ein wenig Lohnschreiberei 

und von vielen "Kopf in den Sand-Steckern"


Seit einigen Tagen läuft ein sogenannter Shitstorm gegen einen großen internationalen Konzern namens Amazon. Ausgelöst hat ihn eine Reportage des offentlich-rechtlichen Fernsehens. Irgendwie scheint diese Geschichte einen Nerv getroffen zu haben. Auch meinen eigenen. Sie war offenbar am richtigen Tag zur richtigen Zeit zur Stelle. Sie ist angekommen. Über die üblichen Spartenzielgruppen hinaus. Es mag ja daran liegen, dass nicht der normale Wahnsinn gezeigt wurde. Viele von uns haben mittlerweile eine Art Hornhaut gegen die ganze, alltägliche Scheiße ausgebildet. 

Lohndrückerei und schwierige Arbeitsbedingungen von ZeitarbeitnehmerInnen schrecken die meisten politisch interessierten Menschen - leider - allein für sich nicht mehr auf. Das Nichteinhalten von Arbeitsvertragsklauseln ist mittlerweile - nicht mehr nur in Schmuddelbranchen - ein Kavalliersdelikt geworden. Ebenso wenig ist es offenbar noch aufschreckend, wenn Menschen mit offensichtlich deutlich rechtem Gedankengut bei irgendwelchen Sicherheitsdiensten tätig sind.

Aber beides zusammen in einem Problem? Gibts denn sowas? Menschen, die nach Feierabend immer noch keine Ruhe finden? Menschen, die drei Monate leben wie in einem Status der Internierung? Und das über die Weihnachtszeit. In einer Zeit, in der sich andere, noch etwas besser situierte ArbeitnehmerInnen an den Dingen erfreuen können, die von diesen Anderen verpackt und sortiert wurden.

Ich selbst habe mich relativ bald mit dem Shitstorm gegen das Unternehmen solidarisiert. Nicht, weil ich glaube, dass dies grundsätzlich sofort alle oder auch nur einige der vorhandenen Probleme löst. Ich glaube vielmehr, dass wir im Jetzt ansetzen müssen. Mir gehen  die Gefühlslinken mittlerweile dermaßen auf den Zeiger, die mir erzählen wollen, dass wir das Problem doch bei der Wurzel packen müssten. Außerdem sei es dort und dort und dort noch schlimmer. Und wieso ich dann nicht auch noch bei A, B, C, X und Y engagiert bin, das sei doch mindestens genauso wichtig. 
Ich hab es sowas von satt, erklären zu sollen, dass die Probleme vor der Tür liegen. Die Leute wollen Unterstützung und nicht besserwisserisches Verweisen auf den Kapitalismus als alles erklärendes Weltenübel oder ein arrogantes "ja dann wähl halt im Herbst was Sinnvolles".

Da draußen sind all die Mitmenschen, die jeden Tag mit der vereinigten "Kluckheit" der Springerpresse die letzten wachen Nervenzellen sandgestrahlt bekommen. Die sind keinen Deut schlechter wie Du und ich. Sie haben vielleicht nur keine Kraft mehr, sich nach Feierabend noch mit bestimmten Dingen auseinander zu setzen. 

Keiner von uns kann sich im übrigen dieser Masse an Datenmüll entziehen, die täglich auf uns einprasselt. Da draußen sind auch die kleinen Lohnschreiberlein, die - immer in der Hoffnung, endlich in Medienland fest angestellt zu werden - krude Verteidigungsposts in Twitter, Facebook oder Blogform ablassen. Die Beiträge, die unserer schönen demokratischen Öffentlichkeit erklären, dass es nicht sein könne, dass ein öffentlich-rechtliches Fernsehteam sachlich und ehrlich berichten würde. Diese Trauergestalten eines entfremdeten PR-Betriebes, die gar nicht merken, wie sie den letzten Rest Sozialstaat abbauen helfen, der ihnen selber bislang noch halbwegs den Arsch gerettet hatte. Die nicht merken, was sie da gerade kaputt machen. Weil ihnen wie einem Eselchen die Möhre vorgehalten wird. Immer genau so weit weg, dass sie glauben, irgendwann noch ran zu kommen.

Schuld ist immer DIE Politik. DIE bösen Roten und Linken und natürlich DIE Gewerkschaften. Die Gewerkschaften, die durch ihre ach so überzogenen Forderungen schuld seien, dass die ganzen prekären Beschäftigungen alle ins Ausland verschwinden würden. Bei den echten PR-Knechten genauso (das ist nur ein Teil der Einträge) wie bei den konservativen Kleingeistern mit 2,1 Büchern im Schrank und bei den sogenannten Webtrolls, die sonst keiner beachtet (warum wohl) und die deshalb nur provozieren wollen, damit endlich mal jemand mit ihnen spricht. 

Wer sich eine Weile so eine Diskussion in einem Chat oder auf bestimmten Facebookseiten gibt, muss sich fragen, wie viele egomane A...öcher in allen Gesellschaftsschichten eine Demokratie wie die unsere eigentlich noch aushalten kann, bis sie endgültig den Bach runter gegangen ist.

Liebe Revoluzzer, da draußen findet gerade eine gesellschaftliche Debatte statt! Ausgelöst wurde sie von nicht mehr ganz so kleinen Schmutzeleien eines Systems, welches US-Amerikanische Oligopolisten und ihre Symbionten fördert. Aber die Folgen könnten noch wesentlich weitreichender sein.

Längst geht es nicht mehr um ein Unternehmen allein. Da wird über das öffentlich-rechtliche Fernsehen und sein Existenzrecht genauso debattiert, wie über Zeitarbeit und ihre Auswüchse als Ganzes. Grundrechte und No-Gos im Arbeitsalltag werden auf den Seiten ebenfalls diskutiert. 

Dass die herrschenden kapitalistischen Eliten besorgt sind, merkt man daran, dass sich die Bild nun bereits auf Seiten des bedrängten Handelsriesen in die Debatte einmischt. Und wie mischt man sich medial in einen solchen Prozess ein? So, dass sich Meinung nochmals ändern lässt? Man nimmt den Aufdeckern eines Skandals das einzige, was sie am Anfang stark macht: Ihre Integrität. Wenn vermeintlich nicht mehr sicher gestellt sein kann, dass alles stimmt, wenden sich viele Menschen wieder angewidert ab. Was ist danach noch Wahrheit? 

Geschickt wird alles in einen Topf geworfen und umgerührt. Am Ende soll der Schmutz überall kleben. Nicht mehr erkennbar sein, wo er seinen Anfang genommen hat ... Leute? Hallo?? Ponyhof gibts vielleicht beim Fleischer um die Ecke. Das ist das wirkliche Leben! Da reichen keine drei netten Paragraphen und ein wenig Marxlektüre. Da brauchts Phantasie und einen starken Magen, um sich diese Debatten noch zu geben. 3 Schritte vorwärts und 3 1/2 zurück. Und dann vielleicht wieder einen nach vorn. Trotzdem. Jeder überzeugte Anonyme gegenüber im Datenstrom des sozialen Netzwerkes, der anfängt, selbst zu denken ist einer mehr. Einer von vielen. Wir sind viele...wir sind sogar ihr Albtraum! Aber nur, wenn wir das auch wollen.

Liebe Revoluzzer, darum passt mal besser auf, dass ihr keine Lampenputzer werdet! Die Menschen vergessen vieles. Sie vergessen aber ganz sicher nicht, wer ihnen in der entscheidenden Phase einer gesellschaftlichen Entwicklung nicht geholfen hat. Das halten sie euch noch in 100 Jahren vor. Zu was? Zu recht!

Die gesellschaftlichen Fragen finden heute statt. Hier. Jetzt. Nicht nur weit weg. Sie liegen quasi auf der Straße. Zwischen Pferdefleisch und Leiharbeitermassenunterkunft. Die Menschen wollen Inhalte. Geben wir sie ihnen! Und helfen wir dabei, die Massen endlich wieder zu politisieren.


Freitag, 12. Oktober 2012

10 Tips, Menschen in die Politikverdrossenheit zu treiben
1. Ein Staat als Eigentümer, der sich aber niemals nicht einmischt, was mit diesem Eigentum passiert.
Beispiel marode und überteuerte Bahn- und Nahverkehrsangebote. Verspätungen, Investitionsstau, Minderleistungen und eine Konkurrenzsituation mit privaten Mitbewerbern, die mehr oder minder offen auf Kosten der Kunden ausgetragen wird. Da wird dann schon mal ein Zug der Privatbahn zu spät rangiert oder bekommt 30 Minuten keine Einfahrt, nur damit auch die Konkurrenz mal die gleichen Verspätungen einfährt. Zweites Beispiel: Deutsche Telekom. Auch hier hat der Staat noch etliche Anteile. Auch hier wird Kunden das Leben schwer gemacht, weil private Mitanbieter durch Dienst nach Vorschrift bedient werden. interessiert der Schaden, der durch solch ein Verhalten entsteht, irgendeine verantwortliche Instanz? Irgendwen?
2. Eine Republik, die Inlandsgeheimdienste hat, die mehr schaden, als nutzen. Eine Legislative, die trotz deren offenkundiger Großskandale nicht in der Lage ist, diese Behörden aufzulösen und durch etwas Sinnvolleres zu ersetzen.
Die Morde der NSU wurden nicht aufgeklärt. Aber dafür stehen die V-Leute, die genau das nicht bewirkt haben, einem NPD-Verbot im Weg. Dafür stehen zeitgleich seit Jahren rechte politische und religiöse Hetzseiten im Web. Und nur, weil die Anbieteradresse im Ausland geparkt ist, sind die Schlapphüte nicht mal in der Lage, deren Betreiber heraus zu finden. Dafür, dass ihr alte Antifaschisten im VVN-BdA diskreditiert, brauchen wir euch nicht, liebe Freunde!
3. Eine Regierung, die die Banken rettet aber sich gleichzeitig nicht in der Lage sieht, den eigenen RentnerInnen ein Rentenniveau von wenigstens 50 Prozent ihres letzten Einkommens zu garantieren. Wem man dauernd erzählt, dass er den Differenzbetrag zwischen 43 und 50Prozent privat vorsorgen soll, dem sollte man auch erklären können, warum dieser Betrag nicht genauso gut über einen höheren Rentenbeitrag verpflichtend angespart werden könnte. Und warum das eine teurer sein soll als das andere. Vor allem, weil gerade die Leute, die diese Privatvorsorge nicht leisten können oder wollen, am Ende dann doch häufig in staatlicher Fürsorge landen. Ist das unter dem Strich dann nicht alles genauso teuer für unser Gemeinwesen mit den 43, wie mit den 50 Prozent?
Nur, dass man vorher durch diese verunsichernde Debatte der Versicherungswirtschaft geholfen hat, erfolgreich das Vertrauen in das staatliche Sozialwesen zu unterminieren...?!
4. Ein Land, in dem die Bürger, die fast flächendeckend Investitionen in erneuerbare Energien befürworten, dafür dann mit jährlichen Strompreissteigerungen belohnt werden. Von vier großen Monopolkonzernen, die den Kontrollbehörden auf der Nase herumtanzen. Es mag genügend "technische" und pseudoökonomische Erklärungen geben, warum das gerade im Moment ist, wie es ist. Aber so sein kann es nicht und darf es nicht! Das verursacht lobbyistisch gesteuert langfristig gesellschaftlichen Rückschritt. Verstaatlicht endlich diese Strom-Monsterkonzerne! Macht Tabula Rasa! Was kostet uns die Energie wirklich? 
5. Ein Gemeinwesen, der sich 2 Jahre lang einen Bundespräsidenten geleistet hat, den eine Mehrheit der BürgerInnen durch sein mindestens "unglückliches" Aggieren gegenüber den Versuchungen des Amtes am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Diese Form des Nicht-Bemerkens von Fettnäpfchen und das Ranschmeissen an die Pseudefreunde der Privatwirtschaft, das dieser Rechtsstaat auch noch mit einer lebenslangen Pension honoriert. Wer Mittelmaß anbietet, braucht sich nicht wundern, wenn die Menschen den letzten Respekt vor Institutionen verlieren.
6. Eine Volkswirtschaft, die sich eine niedere Arbeitslosenquote zum einen dadurch erkauft, dass immer mehr seiner Bürgerinnen und Bürger in Billiglöhne und Zeitarbeit gedrängt werden. Die sich zum anderen Teil diese niedere Arbeitslosenquote dadurch erkauft, dass halb Europa von Rettungsschirmen abhängig wird, weil sie unsere Waren teuer importieren müssen. Auch, weil unsere Rüstungsindustrie Absatzmärkte benötigt, werden in EU-Staaten Schulden gemacht. Eine geschönte Arbeitslosenstatistik, dadurch erkauft, dass wir unsere niedere Binnennachfrage durch viel zu hohe Exportüberschüsse ausgleichen müssen. In fast allen Branchen. Eine Binnennachfrage, die wesentlich höher wäre, wenn in mehr Branchen gerechtere Löhne bezahlt würden. Aber der Deutsche Michel lässt sich ja immer noch durch liberale Dummschwätzer erzählen, dass durch fleissiges Sparen alleine eine ganze Volkswirtschaft mit vielen Milliarden Aktiva und Passiva zu händeln sei. Ohne Perspektive, ohne Investitionen, ohne Sinn und ohne Verstand. Man könnte meinen, es ginge um das Sparschwein von Isolde Mustermann in der 2-Zimmer-Wohnung in München-Neuperlach...
7. Eine Gesellschaft, in der Menschen, die dafür sorgen, dass aus Kindern und Jugendlichen mal selbstständig denkende Menschen werden, chronisch unterbezahlt sind. Menschen, die Pflege leisten, Menschen, die andere Menschen beraten. Ein Staat, in dem der Dienst am Menschen nichts wert ist. Wo ein Arzt drauf zahlt, wenn er sich mehr als 2 Minuten mit einer Patientin über ihre Sorgen unterhält. Ein Staat, in dem ErzieherInnen und BuchhändlerInnen zu den Geringverdienern zählen, während Castingshows Millionäre erschaffen, sollte sich eigentlich fragen, ob der Begriff Kulturnation noch gerechtfertigt ist.
8. Eine Mediokratie, deren Sonntagabendtalkshows direkten Einfluss auf Kabinettsbeschlüsse am darauf folgenden Montag haben. Egal wie unsinnig die entsprechenden Debatten waren. Die Beckmanns, Jauchs und Illners als Prädatoren der öffentlichen Meinung, denen nicht nur die Kanzlerin in Umfragefurcht zu Füssen liegt....
9. Ein Sozialstaatsmodell, bei welchem selbst die Krankenkassen ihre Gewinne auf dem Bankkonto horten und das trotzdem nicht in der Lage ist, moderne Vorsorgeuntersuchungsverfahren für Osteoporose und Brustkrebs zu bezahlen. Aber gleichzeitig dürfen sich die Arztpraxen weiterhin als Wechselstuben für 10-Euro-Scheine generieren.
10. Eine Bundesrepublik, in der gleiches Arbeitsrecht und die Grundrechte auf Nicht-Diskriminierung nicht für Beschäftigte bei Kirchen gelten. Als Rechtsgrundlage hierfür werden Paragraphen zitiert, die seit Jahren keiner der verantwortlichen Richter und Anwälte mehr im Original gelesen und mit gesundem Menschenverstand auf aktuelle Rechtsauslegung geprüft hat.

...
Es gibt viel zu tun. Helfen wir mit, dass es diese 10 und 100 weitere Punkte bald nicht mehr gibt.
Dann klappts vielleicht auch irgendwann wieder besser mit der Akzeptanz der Demokratie...

Mittwoch, 8. August 2012

Von wehrhafter Demokratie und weichgespülten Demokraten

Ich habe mich vor einigen Tagen nicht bei allen beliebt gemacht. Grund dafür war, dass ich mich im Web recht eindeutig gegen eine deutsche Sportlerin positioniert habe, die ein Problem mit ihrem sozialen Umfeld zu haben scheint. Mir wurde gar vorgeworfen, das sei doch noch gar nicht recherchiert genug und man müsse bei sowas doch vorsichtig sein.

Die Dame, um die es geht, wurde offenbar genötigt, wegen der Einstellung ihres Lebenspartners die Olympiamannschaft (und bereits vorher den Polizeidienst) zu verlassen. In der Öffentlichkeit ist in diesem Fall nun von Gesinnungsschnüffelei die Rede. Mehr oder weniger staatstragende Demokraten, darunter selbst der Bundespräsident, heben den moralischen Zeigefinger. Da wird von Menschenwürde geredet, die für alle gelten müsse. Von Hexenjagd. Sie selber sei doch gar keine Rechte. Es müsse die Unschuldsvermutung gelten. Das Leben einer harmlosen, sympathischen jungen Frau würde durch die Medien zerstört.

Dazu wäre folgendes anzumerken:

1. Auf einer internationalen Veranstaltung wie Olympia vertritt einE SportlerIn das Land, für das er/sie antritt. Damit stehen die an diesen Wettkämpfen teilnehmenden Athletinnen und Athleten mehr im Fokus, als irgendein im Ausland akkreditierter Diplomat, den keiner kennt. Hierdurch ist automatisch auch das Umfeld dieser Menschen für die internationalen Medien interessant.
Dies hat zur Folge, dass jemand, der sich auf dieses Geschäft einlässt, auch damit leben muss, dass bestimmte Dinge einfach nicht akzeptabel sind. Und dabei ist es ein Unterschied, ob "nur" in der Verwandtschaft des Betroffenen seltsame Dinge passieren. Wie ein Bruder, eine Tante, ein Cousin agiert. Darauf existiert unter Umständen keinerlei Einfluss durch den Promi. Wenn es sich stattdessen um den Menschen handelt, mit dem der Sportler/ die Sportlerin zusammen das Leben teilt und mit dem täglich alle Erlebnisse, Meinungen und Ereignisse ausgetauscht werden, ist dies etwas anders.

Wir haben durch unsere Vergangenheit eine gewaltige Verantwortung. Diese ist so riesig, dass bestimmte Tabus einfach nicht diskutabel sind. Für eine/n echten Demokraten/in ist es z.B. schlicht nicht möglich, friedlich über Jahre in einer Beziehung mit jemandem zu leben, der/die aktiv der rechten Szene angehört. Außer man sieht entweder andauernd weg oder sympatisiert insgeheim damit. Beides rechtfertigt Konsequenzen. Ich will von einem Menschen nicht international vertreten werden, der sich seine Welt  / sein Leben so schön reden kann. Da passt etwas nicht.

2. Sich selbst entweder als unpolitisch zu bezeichnen oder wahlweise den Kopf in den Sand zu stecken, wenn Ehemann/frau oder Partner/Partnerin auf Abwege geraten waren, wurde hierzulande bereits nach 1945 in epischer Breite betrieben. Im Einzelfall hat das sicher vielen MitläuferInnen und Wegschauern geholfen, wieder eine weisse Weste zu bekommen. Schlechtes Gewissen gab es nicht oder wurde damit weg gedrückt, dass man ja eh nichts wusste oder nichts machen konnte. Das hat unter anderem dazu geführt, dass ganze Teile einer Generation für ihre Kinder und Enkel unglaubwürdig wurden. Die Auseinandersetzung mit dem braunen Dreck wurde unter den Teppich gekehrt.

3. Der Spruch "kein Sex mit Nazis", den manche Gewerkschaftsjugendlichen und manche Jusos verbreiten  mag im ersten Moment pubertär klingen. Wenn man länger darüber nachdenkt, enthält er einen sehr sinnvollen Kern: "Ächtung eines jeden rechtsradikalen oder rassistischen Gedankengutes. Auch gesellschaftlich und eben mit allen Konsequenzen". Dies mag im Einzelfall weh tun (das muss es auch) und bei Frau Drygalla übertrieben hart erscheinen. Dies ist aber offenbar die einzige Sprache, die in bestimmten Kreisen verstanden wird.

4. Manchmal wünsche ich mir von Demokraten etwas mehr Konsequenz. Das ist keine Hexenjagd und keine Gesinnungsschnüffelei. Es ist Selbstschutz. Selbstschutz vor denen, die keinen Skrupel haben, unsere eigenen demokratischen Spielregeln gegen unsere Demokratie einzusetzen. Die keine Skrupel haben, ein Menschenleben kaputt zu machen oder die Zukunft eines Menschen zu zerstören. Die Karriere von Frau Drygalla wurde auch nicht von den Medien zerstört oder von bösen linken Demokraten. Zerstört wird sie vielmehr durch Blindheit gegenüber einem Umfeld, in welchem offenbar Antidemokraten und Faschismus jederzeit hohffähig sind und wieder "dazu gehören" dürfen.

Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen!


Freitag, 6. Juli 2012

Bekenntnisse eines Misanthropen.


Ich kann es nicht ab, wenn mir fremde Menschen zu nahe kommen.
Besonders dann, wenn an sich genügend Platz ist und sie mir trotzdem zu nah kommen.
Ich empfinde so etwas als mangelnden Respekt.

Es gibt zuviele Menschen.
Die meisten davon sind zu laut und zu nervig.
Darf man so etwas heutzutage noch sagen?

Ist mir aber eigentlich egal, ob man es darf. Ich sag es einfach.

Der Grund ist, dass ich - wieder einmal - genervt bin.
Deshalb ist der Post auch nicht ganz so nett und korrekt.


Beispiel 1: Der Supermarktdrängler
Ich stehe an der Kasse. Bin schnell an Kassen. 20 Jahre Einkaufsroutine, davon ca. 13 oder 14 in Beziehungen, 6-7 Jahre als Single. Ich bin also durchaus wirklich schnell. Trotzdem möchte ich die 5 Restkauftrümmer in die Plastiktüte stecken und den Geldbeutel schließen dürfen. Aber das scheint schon zuviel verlangt zu sein. Der Vollspacko hinter mir kramt in der Kippenbox über der Kasse. Und die ist über mir. Nicht über ihm. Dass er mir damit mit seinen Achselschweißflecken 10 Zentimeter vor meinem Gesicht rum fuhrwerkt ist ihm wurscht. Entschuldigung?! Stört es sie, dass ich existiere?

Beispiel 2: Die Bahnfahrer mit Rucksackego.
Mir ist es egal, ob jemand mit mehr Gepäck Zug fährt, als er/sie eigentlich in der Lage ist, zu transportieren. Solls ihnen die Bandscheiben zerbröseln! Nicht egal ist es mir, wenn alles in einem Rucksack verstaut ist, der das Volumen der Hindenburg hat. Und mir ist es auch nicht egal, wenn der Ökostudent, der an mir vorbei latscht, a) nicht in der Lage ist, mit seinem Gepäck um zu gehen und b) natürlich ignorant genug ist, mit dem ganzen krams auf dem Rücken 180 Grad-Schwenks zu vollführen und einem seinen ganzen Mist ins Gesicht zu schlagen. mami passt ja nicht auf ihn auf und er muss sich mal um etwas selber kümmern. Passiert mindestens wöchentlich. Habe nur mittlerweile Routine im ausweichen. Halloooo!? Rücksicht, ihr Dummies!!!

Beispiel 3:  Im Wartebereich in die Fluchtdistanz hinein stehen.
Ja. Vielleicht hab ich ein wenig zuviel von meinem tierischen Fluchtreflex in den Genen. Was bei mir gar nicht geht, ist, wenn auf einem Bahnsteig oder Bussteig, der recht leer ist, einE andereR ReisendeR sich in 40 Zentimeter Abstand zu mir aufstellt. Sicherlich ist mein Toleranzbereich bei einer sympatischen und gut aussehenden Mitreisenden vielleicht eher nur 1 Meter und bei einem Ungewaschenen Komposti, bei dem schon der Verwesungsgeruch die Fliegen anzieht, dann eher 5 Meter. Trotzdem: Ich will Platz! Platz ist Luft. Luft zum Atmen. Bei fremden Menschen, mit denen ich bisher weder Ziegen gehütet noch Kuchen gebacken habe, will ich nicht die Hautporen und die Webfehler der Jeansjacke zählen können.

Beispiel 4: Menschen, die einem auf der Stoßstange kleben, obwohl die Autobahn dicht befahren ist.
Hallo?? Ich bin jemand der nicht langsam fährt. Ich weiß Verkehrslücken durchaus zu nutzen. Nur es gibt halt Tage, da biste froh, wenns mit 110-120 noch einigermaßen auf der Autobahn dahin fließt. Und dann kannst die Leut, die vor einem fahren halt auch nicht weg tragen. An solchen Tagen sind sie meistens besonders penetrant da. Die Stoßstangenkuschler. Porsche oder aufgeblasene weiße bzw. Maikäfer-farbene SUVs sind es gerne, manchmal mit Starnberger Nummer (aber auch alle anderen sind vertreten). Und dann pappens einem auch schon auf der Stoßstange. Von der Eschenrieder Spange bis hinter Odelzhausen. Leute, was raucht ihr? Wisst ihr, was passiert, wenn mal was passiert?! Auch ich hab ein Recht auf Leben. Und nein, es geht nicht schneller, wenn ihr Licht hupt ihr Vollpfosten! Und ich will nicht jedes mal das Kleingedruckte auf euren Ösipickerln im Rückspiegel entziffern können. Ist das klar!?!


Beispiel 5: Leute, die an der engsten Stelle doof im Weg rum stehen
Ich weiß nicht, ob das alles immer Touristen sind. Ich weiß auch nicht, wo sie immer alle her kommen. Aber sie stehen da. Sie stehen da und schauen dämlich. Grottenbrunzdämlich! Wie Herden von Schafen. Nur dass Schafe nicht so doof wären, dort zu stehen. Sie stehen immer in der Haupthalle. Immer genau in dem Bereich zwischen den Prellböcken und den Fressalien- und Infoständen. Am Hauptbahnhof in München. Sie stehen in Großgruppen mit dutzenden von Gepäckstücken herum. Möglichst brettelesbreit und immer ungeschickt. Dass vielleicht dutzende von Menschen von Gleis 25 auf Gleis 16 müssen (bei 3 Minuten Umsteigezeit) oder auch umgekehrt, das schert sie nicht. Sie haben ja Zeit / Urlaub / Krätze / sonst was. Wieso gehen sie nicht einfach auf den Bahnsteig rauf, wo sie hin müssen? Wieso gehen sie nicht in eine ruhigere Ecke? Wieso gehen sie mir auf die Zwiebel!? Jeden verdammten scheiß Freitag! Mindestens jeden zweiten scheiß Montag. In München ist ja eh dauernd irgend eine Messe, irgend ein Fest. Alle fahrens immer nur zum saufen fressen und gaffen. Diese Sorte grottenbrunzdämlicher Nervbacken gibts übrigens auch in Fußgängerzonen und auf Wochenmärkten. Das sind vermutlich die Gleichen. Weil dort kann man saufen fressen und gaffen. Und vor allem dumm und nervig im Weg rum stehen...

Beispiel 6: Nirgends haste mal 2 Minuten in der Freizeit deine Ruhe.
Früher konntest in größeren Städten auch mal an Feiertagen in Ruhe eine Seitenstraße lang gehen. Ohne Menschen zu sehen. Und heute? Selbst nachts um drei müsstest schon bei Novemberschneegriesel in den tiefsten Bayerwald fahren. Dort wo sich das Auto im Matsch fest fährt. Kurz vor der Grenze auf irgendeinem Waldweg. Vielleicht dort...? Und dann laufen dir vermutlich trotzdem noch immer dutzende von Menschen über die Motorhaube, weil grad irgendein verf...ter Drecksevent natürlich genau da ist, wo endlich mal Friede und Ruhe schön wäre.

Verdammt, ja ich bin Misanthrop.
Jawohl. das heißt nicht, dass ich niemals mit Menschen kann. Meine Frau kommt damit gut klar wie ich bin. Gott sei dank ist das so. :-)
Meine besten Freunde meistens auch. Auch meine Arbeit kann ich natürlich problemlos machen. Meistens wird mir sogar von meinen Gesprächspartnern attestiert, dass ich sehr gut mit Menschen kann. Liegt vielleicht daran, dass ich merke, wann jemand sich unwohl fühlen könnte. Weil ich diverses bei mir selber kenne...

Nur in meiner Freizeit bin ich halt manchmal anders als andere. Wo andere Halligalli brauchen, will ich auch mal meine Ruh. Und das heißt: So richtig meine Ruh. Dieses "Verpisst euch alle und zwar sofort"! Diese Art. Comprende!?
Für mich ist ein Regentag mit einem guten Buch zum Beispiel niemals langweilig.

Menschen gegenüber, die sich nicht mal allein mit sich selbst beschäftigen können, kann ich dabei gegenüber sehr intolerant sein. Dazu steh ich auch. Für mich ist es ein Zeichen von Intelligenz, sich selbst ertragten zu können ohne sich zu langweilen oder mit lautem Krach zu berieseln. Nein. Ich werde nicht alt und ja ich mag ACDC und Rammstein. Ich brauch trotzdem halt nicht andauernd tausende keifende und kreischende Menschen mit kläffenden Hunden oder Hupen oder Vuvuzelas oder sonst irgendeinem lauten Rotz um mich.

Damit ich Menschen in meiner Freizeit längere Zeit (länger als einige Stunden) um mich mag, muss ich sie erst kennen. Und sie müssen wissen, wann sie mich in Ruhe lassen müssen.

Platz und Ruhe. Das wird künftig der Luxus der Menschen sein. Kaum mehr mit Geld zu bezahlen wie alles wirklich Wertvolle. Aber immer wichtiger...

Und jetzt is a Ruah, weil jetzta Ruah is! Zefix!

Freitag, 18. Mai 2012

Blockupy - oder wie die Demokratie zur hohlen Blubberphrase verdorrt.

Ich habe einige Monate nichts mehr gebloggt. Aber das Thema schockt mich. Es bewegt mich und es regt mich tierisch auf. Jeden Tag. Auf meine Wortwahl muss ich bereits achten, so sehr kotzt es mich an,  wie sehr wir derzeit überall von Dummheit, Rückschritt und Mittelmaß umgeben sind.

Wir schreiben den 17. und 18. Mai 2012. Demokratische Gruppen kündigten eine Demonstration an. Sie wollen ein Stadtviertel blockieren. Durch Aktionen, eine Demo, Sitzstreiks. Mehrere der Veranstaltungen, eigentlich die meisten wurden etliche Tage davor offiziell angemeldet. Von braven Staatsbürgern. Keine davon wird letztendlich genehmigt werden. Die Justiz lehnt diese Veranstaltungen durch alle Instanzen ab. Teilweise mit grenzwertigen Begründungen. Reisebusse, die auf die Stadt zufahren, mit unbewaffneten Menschen darinnen, werden weit vor der Stadtgrenze zurück geschickt. Die Insassen erhalten mehrtägige Verbote, die Stadt zu betreten.

Fernzüge, die durch diese Stadt fahren, bekommen wegen "polizeilicher Ermittlungen" massive Verspätungen. Hunderte Menschen werden verhaftet, ein Zeltdorf wird gewaltsam geräumt. Ein Stadtrat einer Oppositionspartei des örtlichen Magistrats erhält einen Platzverweis, obwohl er sich als "parlamentarischer Beobachter" ausweisen kann.

Menschen, die sich gegen die willkürliche Außer-Kraft-Setzung ihres Grundrechtes auf Versammlungsfreiheit zur Wehr setzen wollen, in dem sie nun genau für dieses Recht demonstrieren möchten, wird dies ebenfalls untersagt. Es werden bei all diesen Veranstaltungen nicht "nur" Teile untersagt, so dass halt das betroffene Bankenviertel noch eingeschränkt erreichbar wäre. Nein. Es wird ohne Ansehen so gut wie alles verboten.

Wo gibt es so etwas? Das ist doch bestimmt in einem dieser totalitären Staaten? War da nicht gerade was? Russland etwa? Aserbaidschan? Nein. Ganz falsch. Dies passiert nicht in Moskau und nicht im Kaukasus. Putin ist diesmal unschuldig daran. Dies passiert jetzt. Hier! Im Moment! Gerade mitten in Deutschland. In einer Stadt namens Frankfurt. Der sogenannte Staat geht - wieder einmal - mit harter Hand gegen die Stimme der Massen vor. Gegen Menschen, die einfach nur Aufmerksam machen wollen. Leute, denen ihr Gemeinwesen noch nicht egal ist. Denen nicht alles am Arsch vorbei geht. Die sich wehren wollen gegen die Allmacht des Finanzkapitals. Dessen Lobby ihrer Ansicht nach die Politik schon längst in einem lebensgefährlichen Würgegriff hat.

In einer Welt, in der die Medien kritiklos berichten, dass demokratische Wahlentscheidungen für einen Präsidenten Hollande die Märkte gefährden könnten. Eine Welt, in der sich Verbandsgroßknechte der Geldmarktlobby in Phoenix oder bei Maischberger darüber auslassen können, wie schädlich und schuldenlastig eine Sozial- und Bildungspolitik ist, die den Menschen wenigstens die nötige Luft zum atmen lassen würde. Eine Welt, in der sich eine Wahlsiegerin Hannelore Kraft dafür rechtfertigen soll, dass sie Politik für die kleinen Leute machen will. Dass sie versucht, den Menschen ein wenig private Handlungsspielräume zurück zu geben. Hoffnung auf ein wenig Hoffnung.

Eine Welt, in der Medial nur die Art von Politik noch zählt, bei der sich egomanische DoktorarbeitenabschreiberInnen mit unfähigen LuftnummernschwaflerInnen und konservativen SchwellköpfInnen gegenseitig die Vorteile ihrer Ämter hin und her nepotisieren. Immer vorher juristisch wasserdicht geprüft, dass man die vorhandene Vorteilsnahme zwar schmecken aber rechtlich knapp nicht belangen und beweisen kann. Schmierentheater mit immer schlechter werdenden Darstellern.

Eine Welt, die der Wählerschaft in Griechenland ihre demokratische Entscheidung am liebsten verweigern würde, in freien Wahlen ihrem Unmut freien Lauf zu lassen. Ja so ist das halt! Menschen werden nun einmal irrational in ihren Entscheidungen, wenn sie an die Wand gedrückt werden...! Das Leben ist kein Ponyhof.

Eine Welt, bei der jede verfickte kleine Nazidemo von vor Angst schlotternden Juristen genehmigt wird, die dazu auf das Grundgesetz in allen Nebensätzen verweisen. Das selbe Grundgesetz, das auf einmal nicht mehr gilt, wenn es Menschen einfordern, denen es einfach nur mal langt. Menschen, die sich nicht nur zum Wahlvieh degradieren lassen wollen.

Menschen, die aus lauter Verzweiflung Karnevalstruppen wie den Piraten ihre Stimme geben. Weil sie sich nicht mehr ernst genommen fühlen und sie glauben, dass es eh scho wurscht ist. Traurig genug. Auch für die, die im System was ändern wollen. Und das ist derzeit trotzdem künftig unser kleinstes Problem, wenn sich nicht bald, sehr bald etwas sehr sehr deutlich ändert.


Wenn demokratische Grundrechte wie Versammlungsfreiheit mit Füßen getreten werden. Wenn Justiz und Staatsschutz gleichzeitig über Jahre blind und taub gegenüber rechtem Terror agieren. Wenn gleichzeitig alternative Omas und Opas mit Wasserwerfern diszipliniert werden.  ...

Wenn Konzernoligarchien und Energieriesen jahrelang mit überhöhten Preisen Verbraucher verarschen können und kein Kartellamt mehr dagegen vorgehen kann.  ...

Wenn Geld lieber in eine Herdprämie gesteckt wird, an statt für eine gute, hochwertige Betreuung zu sorgen und echte Unterstützung von bedürftigen Familien mit Kindern zu organisieren.

Wenn Studiengebühren auf Bankkonten vor sich hin lagern, an statt, dass ein Land sich um das wichtigste Gut seiner Zukunft kümmert: Die Bildung. Geistige Bildung, kostenlose Bildung. Lernen für die eigene Entwicklung, Wissen um der Wissenschaft und um des sozialen und gesellschaftlichen Fortschritts wegen. Nicht Pseudobildung für das kurzfristige Schema von Angebot und Nachfrage. Auf Halde produziertes Menschenmaterial für den Arbeitsmarkt. Pflegeleicht und ohne eigenen Willen. Wo das Wissen gleich hinter dem BWL-Lehrbuch oder dem 'Schaltplan verstehen' aufhört...

...wenn dies alles geschieht, dann entsteht eine Saat, die voller Gift ist. Gift für ein vereinigtes Europa, Gift für die Demokratie, Gift für Kultur und Geist. Eine Saat, die Terrorismus schürt. Auch in bisher ruhigen Vorstädten. Besonders bei Menschen, die bereits ohne Perspektiven geboren werden. Deren Ideale in einem Umfeld aus Gangs, Fundamentalismus und Mietskasernen zu Scherben getreten werden. Falls sie je den Luxus hatten, Ideale entwickeln zu dürfen.

Sagt nicht, wir haben euch diesmal nicht rechtzeitig gewarnt!
Sagt nicht, ihr hättet es nicht rechtzeitig mit bekommen, was da im Entstehen ist. Weil ihr mit eurer Zweidrittelmentalität (von der nochmals eines der beiden Drittel abrutschen wird) nicht begriffen habt, wie sehr ihr euch in eurer Selbstgefälligkeit eingerichtet habt.


Sagt nicht, dass ihr die Signale der Völker diesmal nicht hört...

Das Wetterleuchten ist bereits ein Donnergrollen. Und der Wind, der frischt auch schon auf. Eisig bläst er und er wird manches hinweg fegen...